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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 133 (sequence 13)
Language
German
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Joseph Ksuffmarm: OrthodsX und liberal 133 hoher Ideenflug macht sich in dieser Zeit bemerkbar, kein schöpferischer Geist erstand. Wohl gab es bedeutende Gelehrte, aber ihre Gelehrsamkeit war nur Sammelwerk, trug zum Fortschritt und zur Entwickelung nicht bei. viele bedeutende Köpfe verloren sich in eine seltsame mystische Geheimlehre, die ebenfalls in Spanien ihren Ursprung hatte, die aber nicht zum Wissen, sondern zum Geheimnis, nicht zur Erhellung, sondern zur Verfinsterung führte. Unter dem Einfluß der Kabbala erlosch der selbständige, schöpferische Gedanke, erstarb aber auch das Bewußtsein des hohen ethischen Inhalts unserer Glaubenslehre. Ein schwerer geistiger Druck lag auf unsern im Ghetto zusammengedrängten Vorfahren, sie degenerierten körperlich und geistig. Scheu und gebückt, eine verdorbene Sprache redend, verachtet und gemieden von den anderen Landesbewohnern, unbekannt mit den Errungenschaften der Wissenschaft, fern vorn geistigen und künstlerischen Leben und Streben der Andersgläubigen, verbrachten sie ihr Daseirr in dumpfem Geistesbrüten. Da erstand ein neuer Moses, ein neuer Befreier: Moses Mendelssohn erweckte die Iudenheit, speziell in unserem vaterlande, zu neuem Leben, neuem Denken, neuem Wirken. Er rüttelte die stumpfen Geister auf, er lehrte sie deutsch sprechen, deutsch denken; er erweckte die Liebe zu Wissenschaft und Kunst. Mit Mendelssohns Übersetzung der 5 Bücher Moses in klare, richtige, deutsche Sprache begann ein neuer Fortschritt, eine neue geistige Emanzipation der Juden, die bald auch den Beginn der politischen Gleichstellung im Gefolge hatte. Aber dieser große Moses wurde nicht minder gehaßt, als sein Vorgänger. Es ist dieselbe Geistesrichtung vor j000 Jahren, wie heute, die in jedem Fortschritt eine Gefahr für die Religion, in jeder Entwicklung eine Beleidigung Gottes erblicken möchte. Als ob es nicht vielmehr eine Beleidigung des Welten-Schöpfers und -Lenkers wäre, sich der in Natur und Geschichte überall zeigenden Entwickelung entgegenzustemmen. Der neue Kampf, der mit Mendelssohns Auftreten begann, tobt noch heute, wird noch lange andauern. Die Streitfragen lauten heute: ist der Mensch des Gesetzes halber da, oder das Gesetz der Menschen wegen? Durfte ein Zeitalter sich anmaßen, die Entwickelung für abgeschlossen zu erklären, oder mußte Raum für weiteren Fortschritt, weitere Ausbildung bleiben? Heute bezeichnen wir diejenige Richtung, die dem Fortschritt und der Weiterentwickelung abhold ist, als die orthodoxe, die andere, die nicht an einen vor 1,500 Jahren willkürlich bestimmten Abschluß glauben will, als die liberale. Zwischen beiden Parteien steht eine große Zahl von Unschlüssigen und Schwankenden, jenseits des Parteigetriebes die noch größere Masse der Gleichgültigen und Unwissenden. Beide Richtungen, die orthodoxe und die liberale, Haben ihre Existenzberechtigung. Die aus dem Stumpfsinn des Ghettos befreiten Massen haben nicht den ruhigen, sicheren weg der langsamen Entwickelung eingeschlagen, sondern, von dem Hellen Lichte der Aufklärung geblendet, sahen sie in der völligen Abkehr von allen jüdischen Sitten und Gebräuchen das Ziel der Emanzipation und wurden nicht nur gleichgültig gegen die Lehren der Religion, sondern geradezu feindselig gegen diese. Es kam hinzu, daß die geistige Emanzipation einen weit schnelleren Schritt eingeschlagen hatte, als die politische. 2lus dem Fortschritt wurde Abkehr, aus der Entwickelung Bruch, aus dem Streben nach geistiger und politischer Gleichberechtigung entstand der Gedanke der 2lssimilation, der

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