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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 Joseph Ksuffrnann: Orthodoa und liberal Das harte Joch der römischen Herrschaft erschwerte dieses Streben sehr. Gft war es lebensgefährlich, als Lehrer wirken zu wollen, oft schien es, als ob mit dem letzten Lehrer in Palästina auch die Lehre des Judentums zugrunde gehen sollte. Da kam ein neuer Fortschritt! Selbst das heilige Land wurde als Zentrum des Zudentumes aufgegeben. Die Lehre wunderte von Zion nach Babylon. Hier blühte bald neues Leben, neue Geistestätigkeit, neuer Fortschritt. Aber wie in früheren Zeiten, trat auch fetzt wieder die Rückströmung auf. wieder entwickelte sich eine Partei, die dem Entwickelungswerke entgegentrat, die keine Erklärung, keinen Ausbau, keinen lebendigen Geist, sondern den Buchstaben, den starren Wortlaut predigte. Es entstand die Sekte der Karaiten, der Schriftgläubigen. Der Kampf zwischen ihnen und den Rabbinen entbrannte. wieder stand .der Sieg zuletzt bei den Vertretern der Bildung, der Wissenschaft, des Fortschritts. Die Karaiten wurden zu einem bedeutungslosen Häufchen, das noch heute nicht recht leben, nicht sterben kann. Sieben Jahrhunderte waren die Hochschulen zu Sura und pumbadita die geistigen Leiter der Zudenheit. Anfangs blühend und fortschreitend, verloren sie sich in Kleinlichkeiten, vergaßen ihre Grundlage, den Fortschritt und die Entwickelung des Zudentumes. Mit dem letzten bedeutenden Schulleiter, Gaon Hai, schien alles geistige jüdische Leben erloschen zu sein. Da erblühte neuer Geist, neue Entwickelung, neuer Fortschritt im fernen Abendlande. Das Zentrum des Zudentumes wunderte von Babylon nach Spanien und Süd- Frankreich. Spanien wurde der Mittelpunkt, von dem alles wissenschaftliche, dichterische und geistanregende Leben des Zudentumes für hunderte von Zähren ausging. Dort blühten und wirkten unsere großen Dichter Zbn Esra, Gabirol, Zehuda Halevi und viele andere, dort dachten und schufen eine große Zahl bedeutender Religionsphilosophen, darunter der größte und kühnste aller, Moses Maimonides, von dem der Ruhm erklang: Von Rloses bis Moses war keiner, wie Moses! Maimonides ist unser gewaltigster Denker, der bedeutendste Helfer zur Entwickelung unserer Religion, der hervorragendste Schriftsteller seit den Zeiten der Propheten bis auf den heutigen Tag, der Stolz allergroß und frei denkenden Juden, aller Glaubensgenossen, deren Sehnen und Streben die fortschreitende Ausgestaltung unserer Religionslehre ist. Aber Maimonides war und ist auch heute noch der bestgehaßte Feind aller derjenigen, die der Entwickelung abhold, die unsere Religionslehre als seit 1^00 Zähren abgeschlossen ansehen, die jeden Fortschritt ablehnen, jeden kühnen und hohen Gedanken als ketzerisch verdammen, die allein die Religion gepachtet zu haben glauben. Sein kühner Ausspruch: „wenn der wörtliche Sinn einer Bibelstelle mit einem wissenschaftlichen Ergebnisse in Widerspruch steht, muß der wörtliche Sinn in eine übertragene Bedeutung umgewandelt werden," erregte ungeheures Aufsehen, leidenschaftlichen Widerspruch, Stürme von Entrüstung. Aber sein Einfluß war ein gewaltiger, während der jetzt 750 Zahre seit seinem Auftreten. Seine Zdeen haben allmählich das gesamte Zudentum durchdrungen, wieder siegte der Fortschritt! Noch lange nach seinem Tode blühte in Spanien das regste und herrlichste geistige Leben, bis rohe Gewalt, finsterer Haß und unduldsamster Religionseifer die Zuden aus Spanien vertrieb. Zahrhunderte tiefsten geistigen Niederganges folgten, das jüdische Mittelalter. Kein

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