Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Kauffmann: OrthodsX und liberal 131 Diese Befreiungstat war der erste große Sieg des Entwickelungsgedankens, des Liberalismus. Wie? Esra ein Liberaler? Er, der mit den härtesten Verordnungen die Beobachtung der religiösen Vorschriften durchführte, der neue, äußerst erschwerende Bestimmungen einsetzte, um die strengste Einhaltung der alten zu sichern, er, der als wiederaufrichter und Neubegründer der jüdischen Religion betrachtet wird? Solchen Fragen möchte ich eine Gegenfrage entgegenstellen: Was bedeutet denn liberal? ist es Verwerfung der Religion, die Loslösung von Sitten und Vorschriften? Ich denke, liberal sein, heißt fortschrittlich sein, in der Erkenntnis, daß alles auf Erden einem steten Wandel, einer ständig fortschreitenden Entwickelung unterworfen ist. Liberal sein, heißt, die Ergebnisse der Forschung und Wissenschaft benutzen, liberal sein, heißt, Aufklärung suchen und verbreiten, liberal sein, heißt, eigene Meinung, eigene Anschauung erwerben, aber auch jede andere Ansicht achten und begreifen. Nicht der ist liberal, der verneint und zerstört, sondern der befreit und aufbaut. Das hat Esra getan. Er hat den Grundstein für ein Jahrtausend der Fortentwickelung, des geistigen Aufschwunges, des fortschreitenden Ausbaues der Lehre des Iudentumes gelegt. In den nächsten Jahrhunderten der Fortentwickelung sehen wir, daß es fast ausschließlich Männer aus dem Volke waren, die an dem religiösen Fortschritte mithalfen. Die klangvollsten Namen der auf Esra folgenden Zeiten gehörten Männern an, die in ihrem bürgerlichen Berufe Arbeiter, Handwerker und Kleingewerbetreibende waren. Während des Jahrtausends nach Esra halfen solche Männer an dem allmählichen Aufbau. Mehr und mehr stieg ihr Einfluß. Sie selbst nannten sich Pharisäer. Ihre Ueberlieferungen und Erklärungen, Abänderungen und Neuschöpfungen nannten sie die mündliche Lehre, den notwendigen Begleiter der geschriebenen Thora. Im Gegensatz zu ihnen standen die sozial höheren Kreise, die Staatsmänner, Großgrundbesitzer, die Priesterschaft, vereint unter dem Namen der Saduzäer, nach dem Namen des Stammvaters der herrschenden j?riesterfamilie. Die Saduzäer stemmten sich gegen jede Auslegung und Fortentwickelung, sie wollten den strikten Wortlaut des Pentateuchs, ein unveränderlich feststehendes Gesetz, aufrecht erhalten sehen, wohlbewußt, daß Standesvorrecht und Klassengeist dem Fortschritte weichen müßten. Der Kampf wogte hin und her, die Folge des inneren Haders war der zweite Fall Jerusalems, die endgültige Vernichtung der Selbständigkeit der Nation. Aber noch vor dem Sturze hatte ein klarer, guter Geist einen Seherblick in die Zukunft getan und den Zeitverhältnissen Rücksicht getragen. Iohanan ben Sackai erkannte, daß der Glaube an einen Gott, die Betätigung und Verbreitung der jüdischen Religion, nicht an Grt und Raum, nicht an Staat und Macht, sondern an geistiges Leben, an Forschen und Erkennen, Lernen und Lehren geknüpft sei. heimlich verließ er Jerusalem, begab sich zu den Belagerern und erbat und erhielt als Gnade für jeden Verzicht auf weltliche Macht, das Recht, Schüler heranzübilden, wissen und Können verbreiten zu dürfen. Wahrlich ein kühner, hellseherischer und fortschrittlicher Gedanke! Mehr als zwei Jahrhunderte wirkten seine Nachfolger als Lehrer der Wissenschaft des Judentums, fortschreitend an der Entwickelung der Lehre arbeitend, unbekümmert um äußere Ereignisse, nur ihren Weg verfolgend: zu lernen und zu lehren.