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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 130

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 Joseph Kauffmann: OrthodoL und liberal ^ier darf wohl die Frage aufgeworfen werden, ob es überhaupt möglich ist, ein Millionenvolk zu einer homogenen Masse, mit allseitig gleichem Streben und gleicher Gesinnung zu gestatten. Welche Mittel hat man versucht, um solchem unerreichbar erscheinenden Ziele zuzustreben? Unsere Geschichte scheint zu zeigen, daß ein solches Gleichformen nicht erreicht werden kann, trotz der einzig in der Kulturgeschichte dastehenden Wege, die zur Erreichung des Zweckes eingeschlagen wurden. Jahrhunderte dauerte die Erziehung. Die langen Jahre der Wüstenwanderung hatten den Starrsinn scheinbar gebrochen, aber nur scheinbar. In den Erzählungen von der Eroberung des Landes, von den dunklen Zeiten, in denen die .Richter das Volk leiteten, in der gesamten Königsgeschichte, finden wir wie einen roten Faden die ständigen Auflehnungen gegen Gott und sein Gesetz. Immer wieder brachen die Leidenschaften durch, vergebens erschallten die donnernden Mahnrufe der Seher und Propheten. Hatte Israel glückliche Tage, dann vergaß es Vergangenheit und Bestimmung; traten, wie leider oft, Krieg und Elend, Druck und Not ein, dann kehrte es reuevoll zu dem zurück, bei dem es allein Hilfe und Schutz erwarten konnte. Schwankend, wie das Volk, waren auch seine Regierungen. Gute und schlechte Fürsten lösten sich ab. Die vom Gesetz vorgeschriebenen Handlungen wurden zu leeren Zeremonien, der geistige Inhalt der Religion geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Die großen Propheten traten vergebens solch sinnlosem handeln entgegen, sie gingen soweit, die religiösen Gebräuche als wertlos zu bekämpfen, wenn Freiheit und Recht, Wahrheit und Liebe unter die Füße getreten würden. Die Erziehung konnte nicht die richtige gewesen sein, ein wesentlicher Faktor war außer Acht gelassen worden. Jerusalem siel, Juda zog in Verbannung. Aus der babylonischen Verbannung, kehrte ein Teil des Volkes zurück. Kein Millionenheer, wie einst zu Moses Zeiten, aber eine ansehnliche Zahl von Menschen, die ein gemeinsamer Gedanke, das gleiche Streben beseelte, das zerstörte Heiligtum wieder auszurichten, eine Nation von Priestern, ein heiliges Volk zu werden und zu bleiben. Diesem neuen Volke brachte Esra eineder kühnsten Neuerungen, die unsere Geschichte zu. verzeichnen hat. Er erkannte dio Macht der Bildung, die Gewalt des Wissens. Er brach mit der bisherigen Gepflogenheit, daß nur ein kleinerer Teil von Eingeweihten, eine Gelehrten- oder Priesterkaste, nähere Kenntnis des Gesetzes erwarb- und bewahrte — er gab die Bibel dem ganzen Volke. Esra, der Schreiber, vollbrachte die kühne- Tat, die Bibel, die in einer dem in Babylon wohnhaft gewesenen Volke ungewohnten Schrift — der althebräisch - phönizischen —, geschrieben war, in eine allbekannte und gebräuchliche, umzuschreiben, sie vervielfältigen zu lassen, sodaß allerorts, seiner Anordnung gemäß, wöchentlich mehrfach öffentliche Bibelvorlesüngen, an die sich Texterklärungen schlossen, stattsinden konnten, daßjeder einzelne, den Wissensdurst und Strebew antrieben, selbst lesen und forschen konnte^ Damit trat der ErziehungSsaktor ein^ der bisher gefehlt hatte. Nicht mehr in unbewußter Ausübung^ hergebrachter Gebräuche und Sitten sah er die Zukunft des Volkes und der Religion gesichert, auf Forschen und Wissen, auf geistiger Entwickelung baute er auf. Im ganzen Lande erstanden Schulen und Gotteshäuser, ein reges geistiges Leben erblühte.

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