Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Kauffmann: Orthodsr und liberal 129 auf der anderen Seite berechtigten Wünschen die Gewährung nicht versagt. Alle großen Gesetze kommen nur durch Kompromisse zu Stande. Uebe ein jeder bei der Erstrebung von Sonderinteressen ein gewisses Maß von Selbstverleugnung, und das große werk, das der Gesamtheit zum Heile dienen soll, wird zum Abschluß gelangen. Orthodox und liberal. Don Meph Kauffmann-Plauen i. \7. n der Geschichte der Völker und Staaten, wie in der Geschichte der Religionen, zeigt es sich, daß auf jede Reformation eine -Gegenreformation, auf jede Revolution eine Restauration folgt. Rur große Männer haben -große und kühne Gedanken, ihre Ideen und jpläne sind ihrem Zeitalter oft weit voraus. Wohl vermögen sie die Massen aufzurütteln und zu begeistern, aber nur ein Bruchteil Ihrer Anhänger erwirbt das innere Verständnis ihrer Absichten und jAäne; die große Masse wird nur für kurze Zeit erregt und mitgerissen, ihr fehlen die Grundlagen für -ausdauerndes, zielbewußtes Streben: Erfahrung und wissen, besonnenes Urteil und Geduld. Die große Masse ist rasch bereit, Hosiannah zu rufen, ebenso bald aber, wenn ihre Utopien nicht schnell erreicht werden, erschallt der Ruf: steiniget ihn! Israel ward aus Egypten geführt, um aus der körperlichen und seelischen Knechtschaft erlöst, eine Mission zu übernehmen, in der seine Existenzberechtigung liegen sollte. Inmitten einer Umgebung, die dem krassesten Götzendienste, verbunden mit Ausschreitungen schlimmster Art, huldigte, sollte es den Glauben an einen einzigen Gott erwerben und verbreiten, einen Glauben, der strengste Sittlichkeit, Beherrschung der Gelüste und Begierden, Rücksichtnahme auf den Nebenmenschen und Achtung der Menschenwürde bedingte. Am Sinai erhielt Israel die Grunddie \0' Worte, die für dieses Volk, wie später für die gesamte zivilisierte Menschheit, der Leitfaden alles Handelns und wandelns wurden. Bis in das tiefste Innere waren die Gemüter und Seelen durch das außerordentliche Ereignis dieser Gesetzesverkündung erregt, nüt grenzenlosem Erstaunen lauschte das Volk, das bisher unter Rechtlosigkeit und drückendster Ungerechtigkeit gelitten, den herrlichen Lehren von Menschenliebe und Menschenrechten, vom Schutz der Besitzlosen, vom Recht auf Nächstenliebe, von der Gleichheit vor dem Gesetze. Ein Rausch der Begeisterung ergriff die gewaltige Versammlung. Sechs Wochen später — alles war vergessen! Nur ein Bruchteil des Volkes hatte die Erkenntnis in sich aufgenommen, die hohe Aufgabe begriffen, die dem Volk geworden. Die große Masse hatte für den Idealismus kein Verständnis. vom Berge herab kam Moses — er fand das Volk beim Tanze um das goldene Kalb! Der Rausch der Begeisterung war verflogen, die angeborene Unbotmäßigkeit und Halsstarrigkeit des Volkes kam wieder zum Durchbruch. Nur schwer vermochte Moses seinen Einfluß aufrecht zu erhalten. Immer wieder zeigte es sich, daß der Autoritätsglaube dem Volk innerlich fremd war. Zum unbedingter: Glauben an eine Aulagen für feine Mission. Am Sinai vernahm torität, an die höchste, sollte das Israel unter Donnergetöse und Blitzeszucken Volk aber erzogen werden.