Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Ar. F. Baerk: Wahrheit und Gerechtigkeit er glaubt. Wir besitzen in dem kirchlichen Schrifttum Aufzählungen der Tugenden, und der Kehrreim ist: Mag einer sie immer erwerben — wenn er den Glauben nicht hat, so kann er nicht gerecht werden und vor Gott nicht bestehen, und das ewige Feuer ist sein Erbe. Die Ungläubigen mögen die edelsten Vorzüge beweisen, in allen guten Taten sich bewähren, sie sind doch nicht fromm und nicht gerecht, und alle ihre Tugenden sind, wie Augustin in seinein Buche vom „Gottesstaate" erklärte, Lastern gleich zu achten. Nur der Orthodoxe ist rechtschaffen und gut: der Ketzer ist immer ein verworfener. Und auch die Kehrseite fehlte nicht: jede Nachsicht wird geübt, wenn der Frevler nur dem rechten Bekenntnis folgt; das Unrecht des Gläubigen wird durch seinen Glauben zugedeckt. Die christliche Literatur enthält Lobreden auf die schlimmsten Gewaltherrscher; sie waren zwar Verbrecher, aber orthodox, und „wer an diesen glaubt, ist gerechtfertigt." Menschliche Vorzüge bedeuteten so ohne den rechten Glauben nichts — war es da nicht ein Schluß, der allzu nahe lag, daß es minder wichtig, und schließlich, daß es zwecklos sei, sie auch zu erstreben? Die Folgerung ist nicht ausgeblieben. Alle Gewaltsamkeit, alle die grausame Unduldsamkeit des langen Mittelalters, das Leiden und die Oual, mit der es die Menschen -heimgesucht hat, nicht zum mindesten alles das, was wir Juden erdulden mußten, geht aus dieser Umwertung hervor, die die Gerechtigkeit erfahren hat. Auch hier hat der neue Begriff dem alten den Inhält fortgenommen. Da man immer nur an das Recht dachte, das der Gläubige von Gott hat, so verlor man den Sinn für das Recht, das der Mensch dem Menschen gewähren soll. Man wußte sich gerecht durch den Glauben und bemühte sich darum weniger, es durch die Tat zu werden. Die schlichte weltliche Gerechtigkeit verschwand hinter der übernatürlichen, geistlichen, die nüchterne Aufgabe, die diese Erde stellt, hinter dem Streben nach dem bseil, welches die Kirche dem Gläubigen verheißt. Die Moral wurde durch das Bekenntnis zurückgedrängt — das ist der neutestamentlich-kirchliche Weg der Entwickelung. Erst die soziale Bewegung der Gegenwart hat die alte jüdische Gerechtigkeit wieder zu Ehren und zur Wirklichkeit gebracht, ganz wie die neue Ethik den alten Begriff der Wahrheit. An diese Umwertung zweier wichtiger Begriffe sollten alle die sich erinnern, die von der nentestamentlichen Moral reden, vielleicht denken sie dann auch noch an die weitere Tatsache, daß das Evangelium wichtigen sittlichen Geboten, denen des Familienlebens, der Rechtsordnung und der bürgerlichen Arbeit, fremd oder gleichgültig gegenübersteht, und daß ein anderes grundlegendes Gebot, das der Nächstenliebe, dort nur mittelbar, als ein Zitat aus dem Alten Testament, erscheint. An jenem Wort von der neuen Sittlichkeit wird danach wenig übrigbleiben. Ls ist in der Tat nur eine Redensart, der bisher bloß das Gesetz der Trägheit zu gute kam. Die moderne protestantische Sittenlehre beweist es selber. Denn sie muß immer, wenn sie Ethik lehren will, wieder alttestamentlich werden, sie muß die Wahrheit und die Gerechtigkeit mit ihrem alten Begriffe wieder aufnehmen, vielleicht wird sie auf diesem Wege auch einmal dazu gelangen, das alles offen auszusprechen, und so gegen das Judentum Wahrheit und Gerechtigkeit, im alten, jüdischen Sinne, zu üben.