Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126520--0844-3127637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 Ar. F. Saeck: Wahrheit und Gerechtigkeit halten. Ihren ersten jDlatz hat sie jetzt nicht bei den sittlichen Pflichten, sondern bei der kirchlichen Lehre und Satzung; sie verläßt das Verhältnis des Menschen zu feinem Nächsten und bestimmt vorerst seine Beziehung zu einem Geheimnis des göttlichen heiles. Ihr wesentlicher Besitz muß so nicht Mehr zu jeder Stunde errungen und erhalten sein, er wird ein für allemal gehorsam angenommen. Kurz, sie betrifft nicht mehr das Gewissen des Menschen, sondern sein Bekemltnis; dieses wird der oberste Maßstab für Wahrheit und Lüge. Das war eine verhängnisvolle Fortbildung. Der neue, dogmat ische Begriff nahm dem alten, sittlichen seine Kraft. Je mehr man bei der Lüge an die Ketzerei dachte und an die Rechtgläubigkeit bei der Wahrheitsliebe, desto weniger hörte man aus dieser von alle dem heraus, was gegen den Nächsten geübt werden sollte. Die Umbiegung des Begriffes wirkte auf die ganze Auffassung zurück. Die Gläubigen gewöhnten sich, um ein Wort Leckys zu gebrauchen, die Liebe zur Wahrheit mit dem, was sie Liebe zu ihrer Wahrheit nannten, zu verwechseln. Dazu kam, daß ein wesentliches Stück der Aufrichtigkeit, die der Mensch sich schuldet, von der Kirche verurteilt und verwehrt wurde. Nicht durch Ueberlegung, sondern durch Unterwerfung, so wurde es verkündet, könnte die Wahrheit erworben werden. Bedenken und Zweifel, die sich gegen sie richten wollten, wurden als sündiger Irrtum verworfen und mit den Strafen des Diesseits und Jenseits bedroht und dagegen der bereitwillige Gehorsam, der nicht prüfen, sondern annehmen wollte, mit dem Ehrenworte der Treue, dieser Schwester der Wahrhaftigkeit, ausgezeichnet. Die Liebe zu ihr sollte darin sich zeigen, daß die eigenen .Gedanken unterdrückt wurden. Mußte damit nicht auch ein Stück des Gebotes verloren gehen? Nicht um mit Begriffen zu spielen, werden diese Folgen und Folgerungen hier vorgebracht; denn das alles ist leider geschichtliche- Wirklichkeit gewesen, wenn irgend etwasder geistigen Beschaffenheit des Mittelalters, und in das Mittelalter gehört auch die lutherische Kirche hinein, eigentümlich war, so ist» es ein gewisser Mangel an Wahrheitssinn und Wahrheitsliebe. Es ist ein bitteres Wort, welches Herder gesprochen hat, daß „die- Redensart christliche Wahrhaftigkeit mit dev Redensart panische Wahrheit gleichgestellt zu werden verdie.ne." Aber wer jene Jahrhunderte kennt, wird dieses Wort verstehen. So wenig die Moral des Einzelnen angezweifeick werden soll, so bestimmt spricht doch dio Geschichte davon, wie vieles dadurch verwirkt und verschuldet worden ist, daß das Neuo Testament das Wahrheitsgebot aus dem Kreise des Gewissens in den des Glaubenshinüberführte. Aber vielleicht noch verhängnisvoller ist die Umgestaltung gewesen, die der Begriff der Gerechtigkeit hier erfahren Hatz Es' ist eine Höhe der jüdischen Moral, daß sie das- Bild des Gerechten geschaffen hat, des Menschen, der seine beste Frömmigkeit in dem beweist, was er für seine Mitmenschen tut. Diese ideale Frömmigkeit konnte auch dem. Heiden zugesprochen, auch er vor Gott hingestellt werden, und ein Band der Humanität umschlang damit alle. Dem trat das Neue Testament entgegen wiederum mit den: alles, beherrschenden Glauben; ihm wurde wie die Wahrhaftigkeit so die Gerechtigkeit unterworfen. „Gerecht ist, wer an diesen glaubet",, so lautet der neue Grundsatz, andem dann auch später Luther mit besonderer Starrheit: festgehalten hat. Es kann garnicht entschieden genug betont werden, was das besagt. Also nicht mehr darin, daß der Mensch strebend undwirkend sich bemüht, wird er gerecht, rechtschaffen und fromm, sondern dadurch, datz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.