Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberales Judentum JTlonatstchrift für die reiigiöfen Intereffen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. Hl. No. 6 und 7. Jahrgang Z. Juni und Juli 1911. Wahrheit und Gerechtigkeit. Von Dr. L. Baeck-Dütteldorf. s gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen alttestamentlicher und neutestarnentlicher Moral. Allerdings geht er nach ganz anderer Richtung, als z. B. die protestantische Theologie anzuzeigen geliebt hat. Sie sprach und spricht gern von der höheren Sittlichkeit, die das Neue Testament gebracht habe, und die über die Lehre des Judentums weit emporführe. Aber eigentümlicherweise hat sie dabei immer vergessen, an zwei Grundbegriffen der Ethik diesen Fortschritt einmal genau aufzuweisen, an dem der Wahrheit und dem der Gerechtigkeit, cksier hätte sie zu Ergebnissen gelangen können, 'die auf einen anderen weg führen. Es läßt sich nämlich nicht übersehen, welche Wandlung zunächst der Begriff der Wahrheit in der christlichen Literatur erfahren hat. Schon das eine fällt auf: die Mahnung zur wahren Rede und die Warnung vor der Lüge kommen, von einem Satze abgesehen, der das Schwören untersagt, in den Evangelien zu keinem bestimmten Ausdrucke, und auch in den übrigen Teilen des Neuen Testaments treten sie so gut wie garnicht in den Rreis des Gebotes. Glauben und Demut, Dulden und Hoffen, Mitleid und wohltätigbeit werden oft und innig gerühmt, aber die Wahrhaftigkeit suchen wir vergeblich daneben. In der folgenden christlichen Literatur zeigt sich der gleiche Mangel, und er tritt um so mehr hervor, da das Alte Testament und das nachbiblische jüdische Schrifttum aufs eindringlichste jene Tugend gefordert hatten. Dieser Mangel ist nicht zufällig; denn im Neuen Testament ist aus dem alten Worte von der Liebe zur Wahrheit etwas ganz anderes geworden. Sie bedeutet hier nicht zuerst die Lauterkeit der Rede und ihre Uebereinstimmung mit dem geheimsten Gedanken, nicht die Reinheit der Lippen und die Geradheit des Herzens, sondern das Wort benennt hier vor allem die Hingebung an die neue Botschaft, an das Geheimnis der göttlichen Erlösungsgnade, wahrheitsliebend ist jetzt der Rechtgläubige, der Orthodoxe; wer des rechten Bekenntnisses ermangelt, mag er auch ehrlichen und aufrichtigen Sinn bewähren, gilt als Nnecht der Lüge. Die Forderung, gläubig zu sein, die hier alles beherrscht, hat auch den Begriff der Wahrheit sich unterworfen und ihm den Stempel aufgedrückt. Don ihrem ethischen Sinn und wert hat die Wahrheit damit viel verloren und ein dogmatisches Gepräge dafür er-