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Liberales Judentum · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 114

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Date
1911-05-01
Page
Seite 114 (sequence 18)
Language
German
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114 Louis Ioeger: Unsere Ortsgruppen, deren Aufgaben und Pflichten dasselbe hinaus. In glänzender Beredsamkeit nahm Hirsch den Vertretern der liberalen Theologie (gemeint ist die christliche! D. Red.) die Waffen aus der Hand, die diese soeben für sich selber geschmiedet hatten. Er sagte ungefähr: Ihr selbst habt nachgewiesen, daß der ganze Ritus und das Zeremonialgesetz nichts spezifisch Jüdisches ist, sondern sich bei allen Naturreligionen findet. Ihr selber habt ferner entwickelt, daß die weltgeschichtliche Ligenart der israelitischen Religion erst in dem Augenblicke beginnt, wo die Propheten den ethischen Monotheismus und das Ideal der gerechten, auf Bruderliebe begründeten Gesellschaft entwickeln. Der ethische Monotheismus und die Konzentrierung der Ethik auf Gerechtigkeit und Bruderliebe also sind die eigentlichen Tharakteristika der jüdischen Religion; alles andere ist nur Nebensache und Beiwerk. Wir sehen aber, daß diese von den israelitischen Propheten zuerst gefundenen Gedanken sich im weitern Verlaufe der Geschichte die ganze zivilisierte Welt unterworfen haben. Ihr habt ja selbst bewiesen, daß das Evangelium nichts weiter ist, als eine Rückkehr zur prophetischen Frömmigkeit innerhalb einer jn Aeußerlichkeiten erstarrten Umgebung. Wir Juden haben daher nicht den geringsten Anlaß, unser Judentum aufzugeben und in andere Religionsgemeinschaften überzutreten. Im Gegenteil, wir erleben nur im Laufe der Jahrhunderte das, was die begeisterten Reden der Propheten schon zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen sahen: die Ausbreitung ihres Gottesglaubens über die ganze Menschheit. Für uns ist die Herausarbeitung einer ethischen Gottesidee und die Abstoßung aller Zeremonien und Formen lediglich eine Rückkehr auf unfern Anfang, nicht ein Hinausgehen über die Grundgedanken unserer Religion! — — Wer die Arbeit der liberalen Theologie am alten Testament verfolgt hat, muß zugeben, daß hier jeder Satz ein Schuß ins Schwarze war. Wir, die wir vom Thristentum Herkommen, sind mit den liberalen Theologen zusammen in der Übeln Lage, daß wir gerade das für unsere persönliche Religion preisgeben müssen, was in der Entstehung des Thristentums das-eigentliche Wesen dieser Religion ausgemacht hat: nämlich den Glauben an die Gottheit Thristi und an den Sühnetod des Erlösers. Wer aber als Jude geboren ist, ist in der Lage, alle religiöse Reform und alle Vertiefung des religiösen Vorstellungslebens nur als eine Rückkehr zu dem zu betrachten, was gleich zu Anfang die weltgeschichtliche Eigenart seiner Religion ausgemacht hat. Und auch der noch, der den Grundgedanken des modernen Sozialismus als eine neue Vertiefung des religiösen und sittlichen Lebens der Menschheit erlebt hat muß immer wieder sagen, daß diejenigen Recht haben, die im israelitischen prophetentum das erste Aufleuchten dieses Gedankens erblicken. So waren es denn auch gerade Hirsch und Tohen, die in der praktischen Ausdeutung ihrer Religion starke sozialistische Töne erklingen ließen." Unsere Orkgruppen, cleren Ausgaben und Pflichten. Von Houis Jaeger-Bonn. s liegt nicht in meiner Absicht, den Ortsgruppen der liberalen Vereinigung nahe zu treten. Liefern doch nach den Berichten der Monatsschrift gar manche den Beweis dafür, daß sie sich ihrer Aufgaben bewußt, im Gegensätze zu denen, die sich ihrer Aufgaben nur schwach bewußt sind, nur dem Namen nach existie-

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