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Liberales Judentum · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 102

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Date
1911-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 O O O O- Ar. Goldmann: Zionismus oder Liberalismus? religiöses Gefühl, religiöses Interesse und deren Betätigung verlangt werden muß. Heute nennt sich ja so mancher „liberal", der es in Wahrheit garnicht ist, der völlig Indifferente, der religiös indifferente Abwehrjude, und wenn der Liberalismus das bedenkt, so weiß er, daß er an dem Aufkommen und Grstarken des Zionismus nicht so ganz schuldlos ist. Denn nur zu lange hat sich der Liberalismus belasten lassen durch jene Elemente, die nicht zu ihm gehören, lange genug hat er sich verantwortlich machen lassen für die nicht zu leugnenden Schäden, die das jüdische Leben durch die religiöse und sonstige Gleichgiltigkeit großer Blassen von „Juden" erfahren hat. Der Zionismus hat an diesen schwachen Stellen mit kluger Berechnung eingehakt, er hat kurzer fjartfc jeden Indifferenten einfach als Liberalen betrachtet und behandelt, er hat auch mit großem Spürsinn jede sonstige Schwäche im Verhalten des Liberalismus aufgedeckt und einen großen Teil seiner Zugkraft verdankt er der zuweilen nicht ungerechtfertigten Kritik, nicht nur des indifferenten f> seudolib eralismus, sondern auch mancher Kreise des Liberalismus selber. Alle diese Schwächen muß der religiöse Liberalismus überwinden, wenn er sich seiner Verantwortung voll bewußt ist, wenn er dem Zionismus seinen Anspruch auf die jüdische Jugend bestreiten und wenn er seine Aufgabe erfüllen will, das Judentum der Zukunft darzustellen. Er muß den Trennungsstrich zwischen sich und dem religionsfeindlichen Indifferentismus viel deutlicher und schärfer ziehen, er darf keinen Zweifel darüber lassen, daß die Einheit der Glaubensgemeinde in aller Welt und die Pflicht zu gegenseitiger Hilfe auch zu seinen Grundsätzen gehört, er muß weiterhin mit aller Schärfe jener Art der Assimilation entgegentreten, welche die Grenzen einer Kulturassimilation überschreitet, d. h. er muß auf religiösem Gebiete jede Anpassung an christlich-religiöse Anschauungen energisch bekämpfen. Er muß, wie dies Geiger gefordert hat, in den Anhängern der jüdischen Religion den Sinn für ihre geschichtliche Zusammengehörigkeit lebendig erhalten, er muß den Stolz auf diese Geschichte und auf die Religion, die Hoffnung auf die Zukunft des jüdischen Glaubens ständig in aller Herzen — zumal in denen der Jugend — nähren^ und damit ein Selbstbewußtsein erwachsen lassen, das weit mehr ist alseinAusflußgekränktenRechtsempfindens und Trotzes. Der Liberalismus muß jüdisch-religiöse Charaktere erziehen! Dann ist er auf dem Wege, der Zukunft des Judentums so zu dienen, wie die Welt es von ihm erwarten kann. Diesen vielgestaltigen Pflichten sich hinzugeben ist der allerbeste weg, um dem Zionismus, dem ja nicht die Theorie, sondern die Kritik von Alltagsschäden Kräfte verleiht, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Keine bessere Art gibt es, um den Zionismus zu bekämpfen und zu vernichten, als wenn die Liberalen — bei schärfster Zurückweisung seiner verderblichen Theorie, bei klarster Darlegung seiner atheistischen und religionsfeindlichen Tendenzen — dennoch daran denken, daß seine Stärke in der Kritik liegt und sich demgemäß durch manchen Vorwurf dieser Kritik belehren lassen! „Zeigt mir der Freund, wasich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll!" -k- * Druckfehlerberichtigung: Im Heft IV, Seite 76, 2. Spalte, \0. Zeile muß es statt „religiösen Nationalismus" heißen: „reine n" Nationalismus!

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