Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Date
1911-05-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126519--0822-3127614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ar. Gswrnarm: Zionismus oder FibrraLismus? 101 notleidende Glaubensgenossen und die Erweckung wertvoller jüdischer Kräfte. Aber auch hierin steht es fest, daß die Verschiebung des praktischen Iudenproblems seitens des Zionismus, der Versuch das Iudenproblem nur in Palästina, statt, wie es vom logischen, historischen, nationalökonomischen, politischen und religiösen Gesichtspunkte aus anders nicht möglich ist, im Niederlassungslande seiner Lösung näher zu führen, eine Rraftverschwendung und damit einen Schaden bedeutet. Sei es also in der Spezialarbeit für die Iudenheit des Vaterlandes, sei es im wirken für das Gesamtjudentum, überall fragt man vergeblich nach der praktischen Nützlichkeit und den sichtbaren Früchten des so oft betonten Arbeitseifers der Zionisten. Ueberall aber kann man konstatieren, daß liberale Juden in treuer Arbeit für das Judentum Deutschlands und der ganzen Welt unermüdlich sorgen, daß ohne die Juden, deren Auffassung nach das Judentum ein rein religiöses Gebilde ist, das im liberalen Sinne erhalten werden muß, keine einzige der heute bestehenden Einrichtungen auch nur eine Sekunde länger lebenskräftig bleiben kann. Ohne die Arbeit und das Geld liberaler Juden würde das Hilfswerk untergehen, und Tausende und Abertausende von Brüdern würden verhungern! Und dieses liberalen Juden jüdisches Gefühl wagt der Zionismus anzuzweifeln, diesen liberalen Juden bewerfen seine Redner und j)reßorgane tagtäglich mit gehässigen Anklagen! Dem echten werktätigen Judentum dieser Liberalen gegenüber besitzt der Zionismus die anmaßende Intoleranz sich für den alleinigen Vertreter wahren Judentums zu erklären, und der 'Ulangel an tatsächlicher Unterlage für diese kühne Behauptung wird durch persönliche Herabsetzung und Verdächtigung des Gegners verdeckt. Ganz von selber drängt sich bei dieser Unduldsamkeit, von der jede Seite der zionistischen Organe, jede Rede ihrer Agitatoren erfüllt ist, der Vergleich mit dem Gebühren jener unserer Mitbürger auf, die in überhebender weise sich anmaßen, das Deutschtum gepachtet zu haben! Das jüdische Bewußtsein der liberalen Juden muß wahrlich unendlich groß sein, muß unzerstörbar und tief in der Seele wurzeln, wenn es sich durch die zionistische Gehässigkeit nicht die Arbeit verleiden läßt und durchaus nicht in dem Bestreben beirrt wird, dem Judentum in aller Welt, in Gegenwart und Zukunft treu und aufopfernd zu dienen. Freilich muß betont werden, daß diese liberalen Juden wirklich „liberal", d. h. Vertreter einer positiv-religiösen jüdischen Richtung sein müssen. Denn in dem einen Punkte stimmen wir mit dem Zionismus überein, daß das bloße Selbstbewußtseinsjudentum, das Abwehrjudentum, das in unserer Zeit als selbständiger Faktor auftritt, für sich allein genommen nichts bedeutet. Wir wollen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß dieses Judentum von des Antisemitismus Gnaden nichts positives an sich hat. Geht wieder ein politisch-liberaler Luftzug durch Deutschland, wird der Jude wieder Reserveoffizier, was vielen dieser Glaubensgenossen als das einzige Ziel der jüdischen Arbeit gilt, so ist dieses Abwehrjudentum genau so vernichtet, wie das des Durchschnittszionisten, weil ihm der Boden, auf dem es erwächst, entzogen ist. Bloßes Erstreben der Rechtsgleichheit und Hebung des Selbstbewußtseins, vielleicht in Verbindung mit Feindschaft gegen Orthodoxie und Zionismus, machen noch lange kein Judentum aus, geschweige denn ein l i b e r a l e s! Es kann nicht oft genug betont werden, daß religiöser Indifferentismus und Liberalismus die unversöhnlichsten Gegner sind, und daß von dem, der sich wirklich „liberal" nennen darf, in erster Reihe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.