Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 95 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau 95 Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, im Verband der deutschen Juden, in Literaturvereinen ihren Heimweg zur Juden heit fanden, will die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland neues religiöses jüdisches Leben in die Seele gießen. Denn auf das religiöse jüdische Leben kommt es uns an. Und damit komme ich zu der anderen Richtung, die uns als Gegner entgegentritt, zu dem Zionismus. Der Zionismus hat seine Bedeutung darin, daß er für viele eine erweckende, aufrüttelnde Kraft besaß und sie den jüdischen Interessen wieder zugeführt hat. Gr hat mit der schwächlichen Leisetreterei gebrochen. Und doch muß ich, so sympathisch und wert mir viele Anhänger des Zionismus sind, den Zionismus als geschichtlich Unberechtigt und vor allem als eine Gefahr für das Judentum ablehnen. Daß er geschichtlich nicht berechtigt ist, hat schon Gabriel Rießer ausgesprochen, wenn er ausführt, daß nicht die Religion dem Moses ein Mittel gewesen ist, den Staat zu erhalten, sondern der Staat ein Mittel, die Religion zu erhalten. Seine religiösethische Gesetzgebung war nicht dazu angetan, ein großes Volk unter Völkern zu schaffen, sondern eine „j)riesternation", „ein heiliges Volk". So erklärt es sich, daß das Judentum den Untergang des jüdischen Staates überdauern konnte, während Rom und Griechenland, die nur Staatengebilde waren und sein wollten, zu Grunde gingen. Das Judentum hat sich erhalten, weil es, als feine Nation in Trümer ging, ein höheres Lebensideal und einen höheren Daseinszweck hatte als die Nation: seinen Glauben, seine Religion. Wohl haben die Juden das Judentum erhalten, aber so wie es in einer alten Legende von der Bundeslade heißt, daß nicht die Träger sie, sondern sie die Träger trug. Wie die Bundeslade ihre Träger trug und nicht von ihnen getragen wurde, so trug und erhielt das Judentum seine Anhänger durch die Wirrnisse der Zeiten, und ließ seine Angehörigen tapfer den Märtyrertod erleileiden. Der nationale Gedanke aber, dem die Religion gleichgiltige j)rivatsache ist, bedeutet den Untergang des Judentums. — Wir Juden haben die geschichtliche Aufgabe, Träger des rein -monotheistischen, heiligen Gottesgedankens zu sein, der Lehre von der sittlichen Verantwortung für unsere Lebensführung, der Lehre, daß die Verbrüderung aller Menschen das letzte Ziel sei, dem die Menschheit zustreben müsse. Die Ausprägung dieser Gedanken ist unsere Religion . Ohne sie haben wir keine Lebensberechtigung mehr und keinen Lebensinhalt als Juden, ohne sie gräbt sich das Judentum selbst das Grab. Erhaltung, Erweckung, Neubelebung des religiösen Judentums ist unsere geschichtliche Aufgabe." Die etwa zweistündigen Ausführungen des Redners fesselten die Zuhörer bis zum letzten Augenblick und lösten lebhafte, langandauernde Beifallsäußerungen aus. — In der dem Vortrage folgenden Diskussion vertrat Herr Dr. Grünebaum den zionistischen Standpunkt. — Er betonte, daß die Juden als Volk anzusehen seien, und daß nicht, wie Herr Dr. Seligmann betont habe, die Religion, sondern die Nationalität das Wesen des Judentums ausmache. Er empfahl die Lektüre der zionistischen Schriften. Scharf geißelte er die Stellung der Rabbinen in den preußischen Gemeinden, die wegen ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit ihre Meinung nach den jeweiligen Ansichten der Gemeind evertreter einrichten müßten. — Auch der nächste Redner, Rechtsanwalt Dr. Weinberg aus Dortmund, verteidigte die zionistischen Bestrebungen. Sehr interessant war das Geständnis des Herrn, daß die große Mehrzahl der deutschen Zionisten auf liberalem Boden stehe. Herr Epstein behauptete, daß der religiöse Standpunkt innerhalb des Judentums einem jeden Juden überlassen werden müsse, die Gesamtheit als solche aber müsse an der Ueberlieferung festhalten. Herr Tahn hält den Gebrauch der hebräischen Sprache während des Gottesdienstes nicht für unbedingt erforderlich, er verweist auf die Falaschas, die ohne das Hebräische als Kultussprache eingeführt zu haben, dennoch als Anhänger des Judentums anzusehen seien. Auch gehe seine Meinung dahin, daß solche Juden, denen der Gottesglaube nichts mehr biete, in religiösen Dingen auf die Gemeindemitglieder nicht einzuwirken versuchen sollten, daß sie aber am wenigsten berechtigt seien, die Orthodoxie zu stützen. Herr Referendar Strauß sieht im Zionismus, der die