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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 94 (sequence 22)
Language
German
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94 Nrrndfcharr o o o o Dinge zu denken und sich von der religiösen Fessel zu emanzipieren. Die alten Rabbinen blieben bis zu den Jahren zwischen ^830 und ^8^0 bildungsfeindlich. — An die Namen Zunz, Geiger und — Samson Raphael Hirsch knüpft sich die neue bildungsfreundliche Phase in der Entwicklung des Judentums. In diesem Sinne ist der Führer der damals sogenannten Neuorthodoxen ein Reformer, indem er den „Assimilationsprozeß" zwischen deutscher und Jüdischer Bildung durch seine Person und seine Richtung förderte und vollzog. Aber nicht nur die Bildung löste uns von den Orthodoxen. Auch der Eintritt der Juden in das moderne geschäftliche und soziale Leben, der gewaltige Umschwung der Verkehrs-Verhältnisse, der Zug nach der Großstadt, der erschwerte Kampf um das Dasein, konnte nicht ohne Folgen auf das jüdische Lieben bleiben. Die große Mehrzahl der deutschen wie der ganzen westeuropäischen Iudenheit, streifte von Generation zu Generation immer mehr die bindende Fessel des „Religionsgesetzes" ab. Es kam dahin, daß zwischen dem Judentum wie es in den alten Kodizes stand und dem Judentum, wie es gelebt wurde, eine Kluft entstand, so tief und breit, als läge eine Welt zwischen beiden. Da traten zum erstenmale in den HOer Jahren des vorigen Jahrhunderts die Rabbinen zusammen, um die Kluft zwischen „Lieben und Lehre", wie sie es nannten, zu überbrücken. Sie fragten sich: „Müssen die Juden das ganze Gesetz, wie es sich in Zeiten entwickelt hat, die von den unseren so ganz verschieden sind, müssen sie jeden Gebrauch (Minhag), der sich im Laufe der Jahrhunderte eingebürgert hat, für verbindlich halten?" Diese Frage beschäftigt uns noch heute und wird je nach dem religiösen Standpunkte verschieden beantwortet. Das liberale Judentum, das sich die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließt, sagt: es ist nötig, wenn das Judentum weiter bestehen soll, die Möglichkeit anzuerkennen, daß man Jude sein könne auch ohne alle alten Sitten und Gebräuche peinlich zu beobachten, auch mit einer andersgearteten geistigen Erfassung des Judentums. Wo aber fanden die Rabbinen die Berechtigung, mit dem Dogma der Alleinberechtigung des altorthodoxen Standpunktes zu brechen? In der Geschichte des Judentums und in der wissenschaftlichen Erkenntnis seines Wesens. Der erste Wegebahner war Leopold Zunz. In seinem Buche „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" bringt er den Nachweis, daß die gottesdienstliche Reform, weit entfernt, den Boden des Judentums zu verlassen, eine Rückkehr zum alten religiösen Judentum darstelle. Ihm folgte Abr. Geiger, der nachwies, daß das Judentum eine geschichtliche Entwicklung dnrchgemacht habe und einer solchen fähig sei, ohne aufzuhören, Judentum zu sein. Heute wissen wir durch Kenntnis der Geschichte, daß das Judentum den schwerwiegenden Uebergang vom Opferkultus zum Gebetkultus vollzogen habe, daß von den 6\3 Geboten der Thora durch die Zerstörung des Tempels ungültig wurden, weil deren Befolgung einfach unmöglch war. Selbst die Niederschrift des Talmuds, die eine Hemmung der Entwicklung in weitgehendster Weise zur Folge hatte, ist an sich eine Reform gewesen, denn die „mündliche Lehre" sollte nach dem Gesetz „mündlich", aber nicht schriftlich überliefert werden. Immer wurden die Vorschriften der Thora so umgedeutetwie sie umgedeutet werden mußten, wenn sie weiter beobachtet werden sollten. — Aus diesen Tatsachen folgt für uns liberale Juden die Berechtigung unseres Standpunktes. Auch wir erstreben eine Neubelebung der jüdischen Religion. Auch der Liberalismus glaubt an eine göttliche Offenbarung, aber er denkt sich diese nicht nur als einmalige, sondern als immerwährende, auch er verlangt positives jüdisches Leben, Treue und Pietät, Opferfähigkeit und religiöse Innigkeit. Erhalten wollen zwir, was vom Judentum zu erhalten ist, aber nicht verlangen, weder in der Theorie, noch in der Praxis, was nicht mehr aufrecht erhalten werden kann; wir wollen ein Judentum lehren, das dem heutigen Stande der Wissenschaft entspricht und und das den Modernismus nicht fürchtet; dabei können wir aber wohl alle Grundpfeiler des Judentums erhalten. Ein solches Judentum wird uns wieder lieb und teuer werden. Die Hunderttäusende, die die Orthodoxie nicht in ihrem Bann erhalten konnte und die darum der Religionslosigkeit, dem Indifferentismus anheimfielen, will der Liberalismus um seine Fahne scharen. Den Tausenden, die heute in Logen, im

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