Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 93 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126518--0813-3127604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o 0.0 Rundschau .93 SEBI Ziel einschlagen, das hängt ab von Erziehung, Temperament, dem geistigen und sozialen Milieu, in dem wir uns befinden, und von tausend Imponderabilien, die eine Verständigung erschweren. Wenn nun 70 deutsche Rabbinen und 7000 Catcn, die meist mindestens von großelterlicher Seite her aus orthodoxen Familien hervorgegangen sind, für den religiösen Liberalismus im Judentum eintreten, so müssen sie ihn doch für notwendig halten, so müssen doch zwingende Gründe hierfür vorhanden sein. — Es ist wahrlich kein Vergnügen, als Rabbiner für die liberale Sache zu wirken. Ls 'bleiben Angriffe, selbst schwere persönliche Anfeindungen nicht aus und es gehört eine starke Ueberzeugung und ein hohes Pflichtgefühl dazu, diesen Anfeindungen zu trotzen, während der orthodoxe Rabbiner beinahe nichts anders zu sein braucht, als orthodox, um von der Gunst der trägen Massen getragen zu werden. Wir liberale Rabbinen müssen uns gar noch gegen den ungeheuerlichen Vorwurf verteidigen, Zerstörer des Judentums zu sein. Das tut weh, wo wir viel intensiver als die meisten unserer Gegner unser Herz, unsere Tatkraft, unsere Persönlichkeit einsetzen für die Erhaltung des Judentums, wo wir auf den vorgeschobensten Posten stehen und ringen messen mit angefpannter Kraft um jede Seele in Israel um die Erhaltung der kommenden Generationen. Auf unseren vorgeschobenen Posten in den deutschen Großgemeinden sahen wir, daß es so nicht weiter gehen darf, wie es bisher gegangen, daß das Beharren auf dem orthodoxen Standpunkt das religiöse und s-ynagogale Leben geschädigt hat. Die Zahl der Gottesdienstbesucher, die Zahl der wirklich religiösen Juden ist unter der orthodoxen und halborthodoxen Herrschaft immer kleiner geworden. Noch vor f20 Jahren gehörten fast alle deutschen Juden der orthodoxen Richtung an. Warum hat die Orthodoxie die Hunderttausende nicht zu fesseln gewußt? Warum sind seit der Mendelssohn'schen Zeit die aufeinanderfolgenden jüdischen Generationen — nicht zum religiösen Liberalismus, der bisher keine Macht im deutschen Judentum, sondern nur eine blasse Idee gewesen ist, übergegangen, sondern von der Orthodoxie direkt zum disziplinlosen, unorganisierten Indifferentismus? Ls muß hier festgestellt werden, daß Liberalismus im religiösen Sinne und Indifferentismus sich nicht mit einander vertragen, daß der Liberalismus dem öden Indifferentismus, dem die Orthodoxie hilflos mit verschränkten Ar* men gegenübersteht, ein Ende" machen will. Wer sich liberaler Jude mit Recht nennen will, der muß sich am religiösen Leben beteiligen, der muß seine Persönlichkeit dem Judentum zur Verfügung stellen. Die Behauptung der Orthodoxie, der Liberalismus fördert den Indifferentismus, ist schon deshalb unhaltbar, weil der Indifferentismus vor dem Liberalismus vorhanden war und somit nur als eine Folge des Standpunktes der Orthodoxie angesehen werden kann. Es ist einleuchtend, daß diejenigen Juden, die Kultus und Lehre nicht befriedigt hatten, dem Indifferentismus zum Opfer fielen, weil sie von der Orthodoxie, die damals Alleinherrscherin war, abgestoßen wurden. Die Herrschaft der orthodoxen Lehre und des orthodoxen Lebens im Judentum konnte sich nur bis zu dem Moment in ihrer Macht behaupten/ als diese Form des Judentums dem Denken und Leben adäquat war, und solange sie durch Bann und Polizeigewalt jede abweichende Meinung und vor allem jede abweichende Lebensführung verhindern konnte. Da — nach tausendjähriger Zurückgezogenheit war zur Zeit Mendelssohns durch den wachsenden Verkehr und die humanere Gesetzgebung den Juden Gelegenheit geboten, sich wieder am öffentlichen Leben zu beteiligen. Die Iudengassen wurden geöffnet, die Juden traten zu ihren christlichen Mitbürgern in Beziehungen. Der Wandel der Zeit mußte auch eine Wandlung der Verhältnisse innerhalb des Judentums zur Folge haben. Die nur auf jüdischer Grundlage beruhende Erziehung mußte aufgegeben werden, wemr die Eltern ihre Kindern befähigen wollten, mit der Umgebung Schritt zu halten. Es konnte nicht mehr genügen, daß nur die Kenntnis des Hebräischen, des Talmuds, der Thora gelehrt wurde. Es mußte mit der orthodoxen Anschauung gebrochen worden, daß das Lesen eines deutschen Buches als Sünde betrachtet wurde. Das war aber nur dadurch möglich,, daß den orthodoxen Rabbinen die Polizei- Gewalt durch die Entziehung des Bannes genommen war. Der Bann verlor durch die freieren Verhältnisse seine Kraft. Es war möglich geworden, freier über religiöse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.