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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 90

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 90 (sequence 18)
Language
German
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90 Srief Abraham Grrgrrs an S. R. Kirsch lich, doch stets zur Aufmerksamkeit anregend und vielleicht größtenteils von der Seite bekehrend, daß er durch die Berührung mehrerer Gegenstände und durch ihre Zerteilung und Zergliederung auf ein tieferes und umfaffen- " deres Nachdenken führt, und ist dies nicht bei Wissenschaften, die nicht empirischer Art sind, die Hauptsache? <D, wenn ich mich jener Tage zurückerinnere, in denen wir so vieles zusammen besprachen, und ich aüf so manche neue Ansicht hingelenkt, so mattche neue Seite, mir früher ganz verborgen, sich meinem Blicke zeigte, dann wahrlich wird meine Sehnsucht nach Ihnen sehr vermehrt. Wenn ich Ihnen nun noch hinzufüge, daß Ucünchow's klarer und lebhafter Vortrag an mir hoffentlich nicht unbelehrend vorübergehen werde, daß das Arabische mich immer noch sehr freut und daß es mir auch jeden Tag leichter wird, so können Sie wohl meine obige Aussage, daß mir meine Uollegien wahrhaftige Freude bereiten, bestätigt finden. — Weniger kann ich Ihnen leider von privatarbeiten sagen, mit Frensdorfs lese ich pesachim, sowie wir es mit Sebachim hielten, nur mit dem Unterschiede, daß wir am Ende einer jeden Blischnah den „Bosch" dazu nehmen werden, ohne den unabbreviiert wohl gar nichts gehen möchte, mit Ullmann lese ich ganz auf die praktischste Weise von der Welt Schulchan aruch und Grach chajim mit seinen Kommentatoren, um die Dinge nun in ihrer jetzt gebräuchlichen Auffassung und zu beobachtenden Weise kennen zu lernen. Wenn Sie nun noch ganz unbedeutende Beschäftigungen mit den Klassikern unserer heiligen Schriften u. a. hinzufügen, so haben Sie mein ganzes jetziges literarisches Lieben. Bis jetzt gehen die Sachen freilich noch recht gut und ich bin ziemlich fleißig, hoffe es auch zu bleiben, ob sich aber meine Hoffnung realisiert, muß die Zeit lehren. — Fast hätte ich von einem höchst wichtigen Gegenstände zu sprechen vergessen. Unser erster privatrednerverein dauert noch ununterbrochen fort und selbst die Ferien konnten, obgleich drei sich entfernten, keinen Unterschied Hervorbringen, mit dem öffentlichen steht es freilich nicht so gut, der leider bis jetzt sowohl wegen der geringen Geneigtheit der teilnehmen Sollenden teils und vorzüglich aus Ulangel an einem geeigneten Lokal wahrlich zu meinem größten Bedauern, seit dem Anfänge der Ferien völlig darniederliegt. — Sie werden wohl hieraus schon gemerkt haben, daß ich immer noch als Einsiedler meine Stube bewohne, und den Satz des Aoheleth nicht eher als zur Zeit meiner Verheiratung zu befolgen gedenke (ich bitte- Euer Hochehrwürden, ja an dem profanen gottlosen Scherz, den ich vor Euer Hochehrwürden hochehrwürdige Ghren ^u bringen allerniedrigst, allerunehrhaftigst und allerunehrwürdigst wagte, keinen Anstoß zu nehmen und nicht denselben mit einem Stoßseufzer zu begleiten), sowie schon früher Ihnen meine Gesinnungen über diesen Punkt durch Fr. wahrscheinlich bekannt waren. — Die hebr. litt. Lerchenjagd ist, o sollten Sie's glauben, bloß auf die kurze Zeit meiner Zusammenkunft mit Fr. beschränkt, wo wir aber während des Lernens, das uns oft Stoff darbietet, mit solcher Emsigkeit und so warmen Ernste und Feuereifer auf unsere philologiculische Anmerkungsulen ausgehen, daß es gewiß für uns beide die angenehmste Erholung ist. Der Freiheitsschwindel hat in unserm Vereine aber so überhand genommen, daß unsere krittsche Abende und Scheyers kritische . . . .*) der Bonner jüd. theol. Akademie geschlossen zu sein scheinen. Frensdorfs. . . .*) recht gut dabei und auch ich habe soviel dabei gewonnen durch Uebung, daß ich teils nicht erschrecke und die Furcht, ich möchte keine Worte finden, mich nicht verwirrt und mir wirklich dieselben raubt, teils ich auch ein langes und ein breites schwatzen kann und mich auch auszudrücken weiß; aber freilich, der rhetorische Gehalt fehlt ganz. Wie machen Sie es denn jetzt? predigen Sie jeden Sonnabend? Frei? Wie konnte denn auf diese Weise ihre erste Bede wider Ihren Willen gedruckt werden (was wir freilich „von hinter dem Vorhang" hören mußten, ist dies schön?)? — Ich gehe noch zu dem letzten Punkte Ihrer Frage über. Unsre Ieschiva hat niemals den Blütepunkt erreicht und ist von ihrem Entstehen an immer mehr ihrem verfalle zugeeilt; zuletzt blieben noch bis zu den Ferien Fr., Bos. und ich, aber ohne eino Ieschiva zu bilden, sondern indem wir ganz auf gewöhnliche Weise zusammen lernten. Und nun noch einiges literarische, das Sie gewiß interessiert! Zunz und Jost haben beide mit tüchtigen Geißelhieben Herrn Lhiarini ange- *) Ein Stück ausgerissen.

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