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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 89 (sequence 17)
Language
German
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Srief Abraham Geigers m K. N. Kirsch 89 Erwartungen? Kommt es mir zu, ihm vorzuschreiben, wie oft, wieviel, was und wie er mich von sich in Kenntnis setze? — Ich hoffe, Sie kennen mich darin, mein Bester, ich verhehle meinen Freunden meine wünsche, die Ansprüche, die ich an sie mache, niemals und gewiß ohne es darum nicht so gut mit ihnen zu meinen, wie vielleicht andere, die sich ganz in ihren Willen fügen möchten. .Sehen Sie, ich 'sage es gerade, wie ich es denke und fühle und da sage ich, ich liebe Sie innigst und herzlich, der kleinste Umstand Don Ihnen ist mir wichtig und darum — möchte ich ihn auch gerne wissen. Also wie war Ihre Aufnahme in Oldenburg, wie Ihre erste Rede, was Ihre Pflichten, was denken Sie zuerst vorzunehmen, in welchem Zustande sind dort die religiösen Angelegenheiten, fördert man Ihre Wünsche, kommt man denselben zuvor oder zeigen sich Hindernisse und -noch so vieles andere möchte ich fragen, daß Sie den unzeitigen Frager herzlich gerne los fein möchten. — Jedoch halte ich es "für Pflicht, Ihnen, wenn Sie nur einen Teil des Interesses an meinem, als ich an Ihrem Lehen nehmen, zu berichten, wie ich seit der Zeit unsrer Trennung gelebt. — Die Ferien brachte ich zuerst in heiterer, geselliger, durch freundschaftlichen Umgang, durch Freude des Wiedersehens höchst erfreulicher, dann in etwas ernsterer und tätiger, zuletzt aber in einer durch Ausartung in Müßiggang etwas langweiligen Muße zu, und so freute es mich denn, wiederum gestärkt und ungetrübten Geistes meine Studien fortzusetzen. Und da nun immer fort Hand in Hand ernstes Studium und geisterquickende Belehrungen mit heitrer Erholung bei Freunden gehn, so können Sie es wohl vermuten, daß ich wieder sehr glücklich und vergnügt lebe; und ich darf es wohl sagen, daß ich noch nicht einen Augenblick, selbst da mir das Aeußere etwas unfreundlich entgegen kam, in unangenehmen Gefühlen oder Gedanken zugebracht habe. Vielleicht -auch, daß ich keine Zeit habe, mich Grillen hinzugeben, denn ich habe außer 26 Stunden Kolleg noch Stunden Unterricht, teils an Freunde, teils an zahlende Fremde zu erteilen, die Arbeiten, die ich gemeinschaftlich mit Ullmann, Frensdorfs und Scheyer betreibe, abgerechnet. Meine Kollegien erfreuen mich sehr, Metaphysik und Psychologie bei Bobrik, Gesch. der alten philos. bei Brandis (nach Anleitung von Paragraphen), Rhetorik bei Delbrück, Physik bei Münchow und arabische Sprache bei Freitag gewähren meinem Geiste der Beschäftigung und des Genusses die Fülle. Ich würde Ihnen recht gerne von allem diesem recht genau, was ich bis fetzt darüber gedacht, was ich darüber zu urteilen wagen möchte, was sie mir nützen werden, usw. sprechen, wenn mir nicht Zeit und Raum dazu gänzlich fehlten; jedoch fürchte ich, daß Sie wenigstens einen Teil Kohl anhören müssen. Bobrik also, ein scharfsinniger gewandter und beredter junger Mann, sucht einleitend die Mängel, Sophismen und Schwächen der alten Metaphysik sowohl als Psychologie aufzudecken und so führt diese kritische Richtung nicht mittelbar in einen starren Dogmatismus, wo wir uns mit Begriffen vertraut machen müssen, wie sie eine oder die ändere Schule festgestellt, ohne Beachtung dessen, was der gewöhnliche Menschenverstand, durch die Erfahrung genötigt, mit "ihnen verbindet, im Gegenteil wird' man hierdurch gewähnt, mit besonnener Prüfung alles das, was die Philosophie uns bietet, zu betrachten und uns nicht durch Schulzwang und durch Konsequenzenmacherei zu Unsinn führen zu lassen. Interessant wäre es mir vorzüglich, die Ideen, die er vorläufig der Psychologie zu Grunde legen zu wollen scheint und äie Widerlegung der alten Einteilung und der angenommenen Vermögen, von ihm mythologische Personen genannt, mit Ihnen besprechen zu können. Seine Anlagen scheinen ihn ganz zum Dialektiker zu schaffen und desto mehr Behutsamkeit ist wohl von seiten des Zuhörers erforderlich. — wie Brandis in diesem Teile der Geschichte ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, jedoch konnte ich bis jetzt bloß die Fülle von Gelehrsamkeit bewundern, da von Auffassung eines Systems in seinen Uranfängen noch nicht die Rede sein kann. — Denken Sie sich unter Delbrück einen echt religiösen, praktisch philosophischen Mann, der auf eine jede seiner Handlungen die größte Acht hat und so mit vollkommner Selbstbeobachtung verfährt, daß wohl sein Leben eine Kette von einzelnen Selbstbeobachtungen genannt werden könnte, dem es aber von der andern Seite an Tiefsinn sowohl als an Scharfsinn gebricht, und Sie haben vielleicht sein Bild. Sein Kolleg ist daher höchst unterhaltend, sein Vortrag ist, obgleich zuweilen durch pedantismus lächer-

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