Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Krief Abraham Geigers an S. N- Hirsch Mdisch-ritueUe Scheidebrief ist ein Schema, der von der Differenziertheit der einzelnen Falle keine Ahnung verrät, und dessen Personen . . . kalligraphische Namen sind. Ls stammt alles aus einer .Zeit, wo ganz andere Verhältnisse waren, wo es keinen Arthur Mayer, sondern wirklich einen Dscher ben Iecheskel gab und wo dieser unter diesem Namen auch wirklich bekannt war. Den veränderten Verhältnissen ist nicht die geringste Rechnung getragen. Ls ist eine Mumie, die das Leben tyrannisiert. Ls ist die schlimmste aller Tyranneien, die Tyrannei der Buchstaben. Der lebende Tyrann, und wenn er noch so schlimm ist, bezieht seinen Ligensinn immer noch auf das Leben. Lr zwingt dem Leben seinen willen auf, aber doch immer dem wirklichen Leben und sein Wille ist der Wille eines Lebenden. Der Buchstabe istschlimmer; er fälscht das Leben; er fingiert ein Leben, das gar nicht, existiert; er hat eine tausendjährige Erinnerung, die er als Wirklichkeit ausgibt. Mit diesem fingierten Surrogat des Lebens führt er seinen Parademarsch von Kapiteln und Paragraphen auf, die gar kein Lnde nehmen wollen, denn er selber ist Lot, und die Geduld und Gedankenlosigkeit eines Toten sind unerschöpflich. (Schluß folgt.) übrakam 6eiger an 5. R. Hirfdi. Mitgeteilt von Luäwig 6eiger. Der nachfolgende Brief, dessen Original, fünf große, eng beschriebene Seiten in Ouart, mir erst Mitte Februar von befreundeter Seite zugänglich gemacht wurde, ist in vielfacher Hinsicht von großem Interesse. Zunächst ist es ein schönes Dokument einer innigen Freundschaft zweier Männer, die als Studenten in Bonn zusammen waren. Sodann ist es der älteste Brief des jungen Theologen, der überhaupt durch den Druck bekannt gemacht wird, denn der älteste in meiner s876 erschienenen Briefsammlung publizierte, trägt das Datum vom \2. Dezember 1(830, ist also drei Wochen jünger; der älteste Brief an Hirsch, der bisher bekannt war, ist vom 6. April \83\. Endlich ist unser Schriftstück dadurch von großem Interesse und verdient die allgemeinste Aufmerksamkeit, daß er ein frisches und anziehendes Bild der Bonner Studienzeit entwirft. Der Brief lautet folgendermaßen: Bonn, 2\. November 1830. Mein lieber Hirsch! Sie haben es recht klug gemacht, daß Sie uns mit zänkischer Miene und verdrießlichem Blicke darstellten, sodaß wir uns nun von dem so fernen Beobachter erraten worden M sein schämen müssen und die Falte durch ein Lächeln verbergen; jedoch bitte ich Sie doch ja in der Zukunft so keine langen Zwischenräume zu lassen und uns immer recht bald mit Ihrem inneren und äußeren Leben bekannt zu machen. — Daß Sie recht vergnügt sind und nun in Ihrem Berufe, den Sie mit solcher Innigkeit und voller Seele sich gewählt, ganz leben, mußte ich natürlich senken; dennoch müßte es dem Freunde, es von Ihnen zu vernehmen, das Angenehmste sein. Wiederholen -Sie es in Briefen ja recht oft; es gewährt mir dies die höchste Befriedigung und wenn auch bloß einigermaßen, doch immerhin den meisten Ersatz für Ihre Entfernung. Jedoch so wie die Beschreibung eines Kunstwerkes, wenn sie uns dasselbe vors Auge bringen will, uns nicht bloß mit den Umrissen, sondern auch alle einzelnen Teile bis ins kleinste Detail verfolgen muß .... so, mein Freund, werden auch 'Sie gewiß, wollen Sie Ihren Freund völlig mit dem, was in Ihrem Innern sich regt, mit dem, was Sie im Aeußern umgibt, vertraut machen, sich nicht scheuen, das Kleinste wie das Größte zu entfalten und nichts für zu gering achten. Und siehe da! Ich trete schon wieder rechtend mit meinem Freunde auf; bin ich denn wirklich befugt, ihn immerfort zu ermahnen und aufmerksam zu machen auf meine Wünsche und