Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Ar. Gsldfchmidt: Z«r Reform der jüdischen Ehescheidung dem Zionismus zugesteht, daß er in weiten Kreisen das Interesse an jüdischen Problemen geweckt hat, so darf man sich keiner Täuschung hingeben und nicht verkennen, daß die wichtigsten jüdischen Fragen, nämlich die religiösen, durch die zionistische Bewegung bisher kaum berührt worden sind und absolut keine Förderung erhalten haben. Nun darf natürlich nicht vergessen werden, daß es eine unendliche Menge von Leuten gibt, die sich „liberal" nennen und ebenfalls für religiöse Probleme kein Interesse haben und Atheisten sind, und so könnte man meinen, daß Zionismus und Liberalismus sich in diesem Punkte nichts vorzuwerfen hätten. Und doch ist der Unterschied ein gewaltiger. Denn wir bewußten Liberalen fühlen uns durch die Gefolgschaft dieser „liberalen" Atheisten belastet und unser Hauptbestreben muß sein — wie ich bereits früher an dieser Stelle ausführlich dargelegt habe — zwischen ihnen und uns einen dicken Trennungsstrich zu ziehen. Der Zionismus dagegen betrachtet seine ungläubigen Anhänger als vollwertige Juden und was das bestimmende ist: diese unreligiösen Elemente im Zionismus verlangen und erhalten Einfluß auf die Gestaltung jüdischer Angelegenheiten, was bei den unreligiösen „Liberalen" nie der Fall war, noch auch sein wird. Wechselseitig wirkt nun häufig der Nationalismus auf religiöse Elemente, die sich in seine Reihen verirren. Die Anschauungen, die sie bei ihren Gesinnungsgenossen antreffen, verursachen nur zu oft, daß sie das Religiöse ganz verlieren und so den ungünstigen Eindruck von der Stellung des Zionismus zur Religion immer mehr verstärken. Gerade Rußland ist es, wo man im Nationalismus den Feind der Religion am deutlichsten erblickt, das Land, das neben den „christlichen" Juden auch die atheistischen „Juden", die natürlich ethisch weit höher zu bewerten sind, aufweist. Wer jemals mit diesen jungen Nationaljuden an . deutschen Schulen und Hochschulen zusammengekommen ist, der weiß, wie viele von ihnen einen geradezu fanatischen Haß gegen alles Religiöse an den Tag legen, und wie sie oft einen geradezu erschreckenden Zynismus und eine unjüdische pietätslosigkeit aufweisen. Die Erfahrungen, die man bereits in der Praxis von heute macht, genügen, um zu zeigen, daß die Zukunftsbefürchtungen berechtigt sind. Sie lassen deutlich erkennen, daß es bei einer irgendwie erheblichen Nationalisierung des Judentums zu einer religiösen Katastrophe kommen muß! (Schluß folgt.) Zur Reform der jüdifdien (Ehefcheidung. Von Rabbiner Dr. Gofdfchmidt-Offenbach. 1. Air prinzipiellen Gründe einer Reform der jüdisch-rituellen Ehescheidung. Ehescheidung und Eheschließung sind die zwei Kehrseiten des juridisch-moralischen Verhältnisses zwischen Mann und Frau, das in der Ehe sich ausdrückt. Je nach dem juridischmoralischen Verhältnisse der beiden Geschlechter in der Ehe wird die Eheschließung, und demzufolge auch die Ehescheidung eine (Fortsetzung.) andere Bedeutung haben und andere Formen verlangen. Die Ehescheidung ist nur die Auflösung des Verhältnisses, das die Eheschließung geschaffen hat; jene beseitigt, was durch diese ins Dasein trat. Diese beiden Kehrseiten müssen daher vollständig einander adäquat sein, sie müssen sich zu einander verhalten wie plus und minus einer und derselben Größe.