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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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o o o o Ar. Goldman»: Zionismus oder Liberalismus? 79 Bei uns in Deutschland kommt, wie erwähnt, der äußere Uebergang zu einer fremden Religion nicht in Betracht. Um so inniger sind aber dafür die Beziehungen, welche zum atheistischen Materialismus hinüberführen. Der kraß materialistische Monismus der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts ist za im allgemeinen überwunden. Sowohl in der Philosophie wie in der Weltanschauung der wahrhaft gebildeten Menschen haben gesunde positiv-religiöse und positive sittliche Anschauungen sich allmählich Bahn gebrochen, und die Geringschätzung des Geistes und des Geistigen auf Rosten des rohen Stoffes gehört fast einer verklungenen und vergangenen Zeit an. Last! Denn in den Rreifen der Halbbildung, zu denen das Judentum za leider einen außerordentlich hohen Prozentsatz stellt, sind jene Anschauungen noch lange nicht überwunden; gar mancher opfert andachtsvoll auf seinen Hausaltären den Moleschott, Büchner und Häckel und glaubt an die Dogmen dieser Propheten mit einer Inbrunst und einem blinden Vertrauen, die er bei einem religiösen Menschen als Zeichen von Dummheit verlachen würde. Und mit diesem Atheismus steht der Nationalismus in engster Wechselbeziehung und daß sich selbst im zionistischen Lager durch die Bildung der Misrachifraktion, die auf streng gesetzestreuer Basis steht, eine allerdings recht wenig wirkungsvolle Reaktion gezeigt hat, ist ein äußerlicher Beweis hierfür. Gs gibt eine Unmenge von Juden, die — wie es bei einem gesunddenkenden Menschen an sich weder verwunderlich noch schädlich ist — an allem zweifeln, und in ihrem Zweifel alles zu negieren beginnen, die aber — und hier setzt das Trauerspiel ein — die Negation für den letzten Schluß aller Weisheit halten, m ihrer Halbbildung nicht weiter Nachdenken, nicht wieder zu positiven Anschauungen kommen, und so der Religion entfremdet werden. Das sind die Leute, die sich ihren himmelanstürmenden Sekundaneratheismus sorgsam konservieren, und bei denen er dann später chronisch und unheilbar wird. Alle diese Menschen waren früher, sofern sie sich bei der Bezeichnung „Jude" überhaupt etwas dachten und nicht völlig indifferent waren, gezwungen, in ihrem späteren Leben zur Religion einmal Stellung zu nehmen. Der Widersinn mußte sie einmal stutzig machen, daß sie Mitglieder einer Religionsgemeinschaft und trotzdem unreligiös waren. Heute haben sie es leichter! Ihnen, die auf der einen Seite zu bequem sind, um über die Religion nachzudenken, die mit aller Religion fertig und die vollendeten Atheisten sind, die aber auf der anderen Seite an dem Druck von außen merken, daß sie zur Iudenheit gezählt werden, die aber zu vornehm denken, um die unterdrückte Partei zu verlassen, bietet sich in diesem Zwiespalt ein vortrefflicher Rettungsweg: Sie werden Nationalzuden! Bei wievielen besteht nicht der ganze Zionismus aus nichts anderem als aus diesem Produkt von Atheismus und Anstandsgefühl! wäre nicht der gewaltige Druck, der diese Leute zum Zionismus triebe, wäre das deutsche Judentum im Besitze aller Rechte, in sozialer und gesellschaftlicher Gleichstellung mit den Thristen, wäre dasselbe gar in Rußland und Galizien der Fall, so würde sich ein großer Prozentsatz unserer Nationalzuden nicht im - mindesten um jüdische Probleme kümmern, weil eben für ihre Denkweise keine vorhanden wären, weil für sie das Judentum von allen Fragen berührt wird, von wirtschaftlichen, politischen, künstlerischen rc. nur nicht von religiösen! Fiele die äußere Veranlassung zum Nationalismus weg, so wäre dieser Teil unserer „Glaubensgenossen" mit dem Judentum einfach fertig. Nationalismus außerhalb der Sphäre des Druckes gibt es nicht, und religiöse Interessen liegen ihnen fern. Und wenn man

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