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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Ar. Gsldmarm: Zionismus oder Liberalismus? suchung dementsprechend groß ist. Auch früher ließen sich dort Juden taufen, aber sie behielten wenigstens das Gefühl für das Schimpfliche ihres Treibens. Heute hat nicht nur die Zahl unendlich zugenommen, sondern der national-jüdische Gedanke ist auch ein bequemes Beruhigungsmittel, Heute lassen sich die jüdischen Jünglinge Rußlands scharenweise taufen und erreichen ein doppeltes: Sie haben ein bequemes Leben, und das Decorum ist gewahrt, denn sie gebärden sich als Nationaljuden (ohne natürlich den national-jüdischen Organisationen, die sich für solche Mitglieder bedanken, anzugehören) und versichern stolz, daß sie Juden bleiben und daß sie dereinst sogar den aufgezwungenen Glauben wieder ablegen würden. Ganz besonders schlaue behaupten sogar, daß sie im Interesse des jüdischen Volkes Christen werden, weil sie ihm so besser dienen können denn als gedrückte Juden. Einer berief sich einmal mir gegenüber auf — Mose, der ein Aegypter wurde, damit er später ein rechter Jude werden könnte! Die meisten vergessen allerdings ihre schönen vorfätze, sowohl was Arbeit für das jüdische Volk wie auch Rückkehr zum Judentum betrifft, und wenige sind so konsequent wie der ermordete Dumaabgeordnete Herzenstein, der sich einen „Juden christlicher Konfession" nannte. Nun liegt es mir völlig fern, jene Elemente auf eine Stufe stellen zu wollen mit unseren Zionisten, denen man den guten Glauben an die vortrefflichkeit ihrer Sache und den Idealismus nicht absprechen darf. Aber unsere Nationaljuden können die Geister, die sie gerufen haben, nicht wieder los werden! Denn für diese schmachvollen Zu st ände ist der Zionismus verantwortlich, der den religionsfeindlichen Nationalgedanken in dje Menge geworfen hat, ohne die Folgen zu bedenken. Neben Rußland, wo man in der harten Iudennot noch einen Milderungsgrund finden kann, ist es besonders Oesterreich, wo man oft die merkwürdigsten Begriffsverwirrungen erlebt. Mir ist ein Fall bekannt, wo in einer zionistischen Ortsgruppe einer Grenz-- Provinz des Nachbarlandes ein getaufter Jude an den Arbeiten der Gruppe lebhaften Anteil nimmt, ohne daß die Mitglieder das Schmachvolle der Duldung eines solchem Verkehrs zu empfinden scheinen! Aber auch anderswo zeigen sich die Spuren der Zersetzung. Erst vor wenigen Tagen ist im zionistischen Tentralorgan Deutschlands offen erklärt worden, daß man es als Geschmacks- und nicht als j)rinzipfacho ansehen müsse, ob man Schekel nur von Angehörigen jüdischen Glaubens nehmen wolle und solle. Typisch für die Zustände, denen wir entgegengehen, ist die Nachricht, die jüngst durch die Presseging, daß ein gewisser j)aul Levertoff zw Konstantinoxel die logische Folgerung aus dev nationaljüdischen Lehre gezogen hat. Er — der sich nach den ausdrücklichen Zeitungsnachrichten einer großen Zuhörerschaft erfreut — tritt als nationaler Jude auf, setzt sich begeistert für den jüdischen Nationalismus ein und will eine Organisation zur Förderung der hebräischen Sprache gründen. Aber die Juden sollen dabei ihre Religion aufgebem und ein christliches Volk jüdischer Nationalität werden. Ausdrücklich wurde auch festgestellt,, daß er in manchen Kreisen Anklang gesundem hat. Hier ist ein deutlicher Erfolg der konsequent nationalen Denkweise! Ich bin nun weit davon entfernt, diese Tatsache zu überschätzen. Mag auch Herr Levertoff praktisch noch so wenig erreichen — und es ist zu hoffen, daß der gesunde religiöse Sinn der Iudenheit sich gegen solchen Aberwitz aufbäumt — schon die Tatsache, daß ein so entsetzlicher Gedanke von Juden ausgesprochen, und ernsthaft diskutiert werden kann, ist eine Schuld, die dem Nationalismus nicht schwer genug angerechnet werden kann und die keine- Dialektik der lvelt abwäscht.

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