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Liberales Judentum · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 77

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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Nr. Goldmann: Zionismus oder Liberalismus? 77 kann nur herrschen, entweder Nation oder -Religion, und stellt die Nation das anerkannte einigende Band dar, so ist es um die Religion geschehen! Der Gedanke ist geradezu fürchterlich, was unsere tollkühnen, nationalen jungen Herren aufgeben und was sie dafür einlauschen wollen. Man verzichtet leichtsinnig auf eine unendliche Gedankenwelt mit einem noch nie übertroffenen Reichtum, auf einen wertvollen religiösen Schatz, um dafür einen unsicheren Wechsel auf einen Staat von der Bedeutung, Größe und inneren Festigkeit etwa Serbiens einzuhandeln. Wer noch nicht allen Idealismus verloren, wer sich noch einen Rest von kühldenkendem Verstände bewahrt hat, wird — wenn ihn nicht schon die Achtung und die pietät vor den schwer kämpfenden Vätern dazu zwingt, — keinen Augenblick im Zweifel sein, job er Ewigkeitswerte eintauschen will gegen schwankende, vergängliche und wertlose Augenblickserfolge. Der Zionismus ist in dieser Gestalt ohne jeden Zweifel eine ernste und schwere Gefahr für die Religion. Und dieses Zukunftsbild und dieser Einwand ist nicht zu widerlegen, wo und wann ich auch immer diese religiösen Bedenken gegen den Nationalismus geäußert habe, noch nie ist mir selbst von Führern des Zionismus etwas anderes entgegengehalten worden, als daß ich mich um Dinge kümmere, die noch in weiter Ferne liegen. Die theoreüsche Richtigkeit ist mir aber von zionistischer Seite häufig genug zugegeben worden, und über eine Bewegung, die ein Ziel angibt in der stillen Hoffnung, daß es nicht erreicht werden kann, der es also nur Agitationsmittel ist, will ich ein Urteil unterlassen. Ich glaube aber, daß der größte Teil der gesunddenkenden Iudenheit weder Verständnis noch Interesse hat für ein jüdisch-nationales Staatswesen, in dem vielleicht neben den andern auch der Kultusminister ein Atheist ist, und das Volk in schöner Harmonie aus Thristen, Mohammedanern, Buddhisten — vielleicht auch einigen Israeliten besteht. Bei der Toleranz, die unsere Zionisten von heute entwickeln, ist es sogar nicht unwahrscheinlich, daß auch der Antisemitismus sich in etwas veränderter Gestalt zeigen würde, falls nämlich besagte Israeliten es wagen wollten, ihren Glauben gar zu universalistisch aufzufassen. Zionismus und Atheismus. wenn diese religionsfeindliche Tendenz, von der durchaus nicht behauptet werden soll, daß die Zionisten sie bewußt verfolgen, im Wesen der Sache liegt, so muß sich nicht nur eine theoreüsche Gefahr für die Religion in jener Zukunftszeit ergeben, mag sie auch noch so sicher vorauszusehen sein, sondern auch in der Gegenwart müssen sich Spuren erkennen lassen, wie steht es nun damit? worin äußert sich die Anschauung, daß Religion Orivatsache sei? Macht der Zionist von der theoretischen Möglichkeit, seine Religion zu verlassen, Gebrauch? Ls kommt hier zunächst der Uebergang zu einem anderen Glauben, dann aber der Abfall zum Atheismus in Betracht. In Bezug auf den ersten j)unkt nun, bei dem für uns prakttsch nur das Christentum in Frage steht, ist es allerdings wahr, daß in Deutschland die Nationalisten nicht zum Christentum abfallen, weil hier eben noch andere Dinge mitsprechen. Der Abfall zum Christentum stellt auf jeden Fall einen gemeinen verrat und eine Feigheit dar, und er bedeutet überdies, wenn er nicht mit der vollen Ueberzeugung von der Richtigkeit der Dogmen des neuen Glaubens vollzogen wird, einen schimpflichen Meineid. Und dann ist in Deutschland der Druck nicht lastend genug, als daß andere denn ganz gemeine Charaktere den Schritt tun. Anders aber steht es in anderen Ländern, vornehmlich in Rußland, wo der Druck unendlich und die ver-

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