Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Ar. Goldwann; Zionismus oder Liberalismus? Dieser Standpunkt ist ehrlich und unan^ fechtbar klar! In der Diaspora richtet er auch äußerlich sichtbaren Schaden in nicht allzugroßem Maße an, weil das äußerliche Bekenntnis zur Religion Merkmal des Judentums ist, und ein Taufjude meist in der dritten Generation spurlos verschwunden und nach keiner Richtung hin mehr erkennbar ist. Don den innerlichen Verheerungen, die der Standpunkt des reinen Nationalismus verursacht, wird noch die Rede sein. Daß diese Anschauung im Wesen des Judentums absolut nicht aufzufinden, und daß sie durch nichts zu begründen ist, haben wir bereits gesehen. .Die ganze Unhaltbarkeit dieser Theorie zeigt sich aber zunächst für jeden, der am Judentum irgend ein Interesse hat, auch hier wieder, wenn man sich eine Verwirklichung des nationalen Ideals vorstellt und sich fragt, was wohl in dem jüdischen Staate Vorgehen würde, der auf jüdisch-nationaler Grundlage errichtet ist, dessen Staatsgrundgesetz das Wort Religionsfreiheit enthält, dessen Regierungsgrundsatz besagt, daß Religion Privatsache sei! Die Geschichte der Religion wäre dort ganz und gar von äußeren Umständen abhängig. Der geistig am höchsten entwickelte Teil der Nation würde vielleicht die jüdische Religion beibehalten. Vielleicht! Denn die jüdische Religion mit ihrer stark universalistischen Tendenz müßte ja feindlich zu einem Staatswesen stehen, das ihre Rolle übernommen hat. Aber bei den anderen? Bei den Ungebildeten würde je nach der Zeitströmung Aufklärung, flacher Monismus und Atheismus oder Mystizismus und Schwärmerei herrschen, und gerade im letzteren Falle würde es dem Islam oder dein Christentum mit seiner starken Missionskraft sehr leicht gelingen, unter den Juden Boden zu gewinnen, viel leichter als heute, da dann die ehrenrührigen Gründe, die jetzt den Uebertritt eines, anständigen Menschen fast unmöglich machen, wegfallen würden. Die jüdische Religion würde in einem solche Staate, wo man als Jude gar keiner oder irgend einer beliebigen Religion angehören könnte, nur ernsten Schaden erleiden. Die Verwirklichung des „religiösen Zionismus" gab nur eine Gewähr für die Erhaltung einer beschränkten, unethischen Nationalreligion mit den Mitteln kleinlicher Intoleranz, die Verwirklichung des religiösen Nationalismus gibt überhaupt keine Gewähr für die Erhaltung her Religion. Im Gegenteil! Sie . ist das sicherste Mittel, um das Judentum in einen mohammedanischen, einen christlichen und einen religionslosen Zweig aufzulösen! Die Zionisten können von Glück sagen, daß wir in der Diaspora leben und daß die Zugehörigkeit zum Judentum in allen Rulturstaaten durch das Bekenntnis zur jüdischen Religion bedingt wird. Es geht ihnen genau so wie den Orthodoxen mit ihrem Wunsche und täglichen Gebet um Wiedereinführung der Opfer. Auch davon kann nur solange geredet werden, wie man genau weiß, daß es unmöglich ist, und man muß recht neugierig sein, was die Orthodoxie, die mit diesem Gedanken spielt, eigentlich tun würde, wenn ihr wirklich einmal die Gelegenheit zu diesem Rückschritt unserer Religion dargeboten würde. Jeder besonnene Mensch weiß, daß in dem Augenblick das Gebet um Wiedereinführung der Opfer fällt, da die Möglichkeit dazu gegeben ist, und jeder besonnene Mensch, mir will nach persönlichen Erfahrungen scheinen auch unter den Zionisten, bangt vor dem Augenblicke, da eine besondere jüdische Nation Anerkennung findet, wie es in Oesterreich ein Teil der unbesonnenen, verführten zionistischen Jugend versucht, ohne sich über die Tragweite ihrer Bestrebungen die geringsten Gedanken zu machen, bangt noch mehr vor der Stunde, da ein jüdischer, autonomer Staat gegründet würde. Eins