Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126518--0795-3127586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 Ar. Gsldmann: Zionismus oder Liberalismus? So zeigt sich'denn sowohl aus innerlichen wie aus äußeren Gründen, daß die kleine Schar dieser „Religionsnationalisten", der zionistischen Rabbiner, in der Theorie von der Wechselwirkung eine Lehre aufgestellt hat, die dem Wesen des Judentums fremd ist, die der Natur des modernen Staates widerspricht, die sich bei dem leisesten Eindringen in ihren wahren Charakter als eine Verlegenheitserfindung erweist, und die bei dem versuche, sie zu verwirklichen, ihren Widersinn deutlich pffenbart. Air Theorie des rrinrn Nationalismus. Nicht aus irgendwelchen wohlüberlegten Gründen, sondern einfach, weil ihnen die Religion im höchsten Grunde gleichgiltig ist und weil sie so ehrlich sind, es einzugestehen, verfechten die Anhänger der anderen, weitaus größeren Gruppe die These, daß alles Religiöse dem nationalen Gedanken unterzuordnen sei. Offiziell gibt sich das darin zu erkennen, daß für den Zionismus die Religion Privatsache ist. Bevor wir nun erörtern, was das für die Religion und das Judentum bedeutet, müssen wir einen Einwand widerlegen, den der Zionismus gar so häufig macht. Er leitet den latenten Nationalismus auch der anderen Juden aus der Tatsache her, daß sie in vielen ihren Unternehmungen und Institutionen, in allen nicht spezifisch religiösen Vereinen die Erörterung religiöser Probleme ausschließen, und somit auch dort nicht die Zugehörigkeit zur Religion, . 'sondern zur Rasse und Nation das Kriterium des Zusammenschlusses sei! So bestechend dieser Einwand klingt, so falsch ist er! Denn die großen jüdischen verbände schließen nur die Erörterung der speziellen Probleme aus, während selbstverständliche Voraussetzung ist, daß jedes ihrer Mitglieder in den Fragen, in denen keine Zwiespältigkeiten bestehen, sich zu jüdischreligiösen Anschauungen bekennt. Das allgemein-jüdische ist Voraussetzung, über den Teil der Religion, worüber allgemeine Uebereinstimmung herrscht, darf gesprochen werden und wird auch gesprochen, wie z. B. die religiösen Vorträge auf den bisherigen deutschen Iudentagen auf's deutlichste beweisen. Daß über die Differenzen, über Speisegesetze, Orgel usw. nicht verhandelt wird, liegt daran, weil alle diese verbände, wie der Verband der deutschen Juden und der Zentralverein, große Aufgaben nach außen hin haben, bei denen man sich den Luxus nicht leisten kann, sich durch innere Streitigkeiten zu zersplittern. Alle stehen auf der allgemeinen religiösen Grundlage des Judentums, sind also allgemein-jüdisch religiös. Wenn sich nun auch unter ihren Anhängern Leute finden, die Atheisten sind, oder gar keine religiösen Interessen haben, weder nach der orthodoxen, noch nach der liberalen Seite hin, so ist das leicht aus den äußeren Umständen zu erklären, die den wegen seiner Zugehörigkeit zum Glauben angegriffenen an die Seite der anderen treibt, mag er auch innerlich dem Glauben fernstehen. viele leitet auch Ehrgeiz oder ein sonstiges unethisches Motiv. Das alles kann aber Struktur und Grundcharakter der Gebilde nicht berühren. Auch das Zentrum hat religiös durchaus uninteressierte Anhänger, die nur aus politischen Gründen der Fahne dieser religiösen Partei folgen, wobei es doch augenscheinlich an Wahnsinn grenzen würde, aus diesem Grunde auf nationale Momente im Zentrum zu schließen. Das unterscheidet uns also vom Zionismus! wir stehen auf allgemein jüdisch-religiöser Grundlage und schließen im Interesse der äußeren Geschlossenheit und Stärke Diskussionen über Liberalismus und Orthodoxie aus, der Zionismus erklärt die Religion und die Zugehörigkeit 511 ihr überhaupt zur privat- und damit zur Nebensache!