Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Ar. Gsldwann: Zionismus oder Liberalismus? Haltbarkeit und Undurchführbarkeit dieser zionistisch -rabbinischen Lehre ist ein Versuch, sich einen Iudenstaat in unseren Tagen mit diesen Anschauungen vorzustellen. Ulan muß sich die staatsrechtlichen Folgen dieser geistreichen Schreibtischphantasieen ausmalen, um die Tiefe des Widersinns voll würdigen zu können. Stellen wir uns also einmal vor, es gäbe einen jüdischen Staat in Palästina, in welchem obige These von der wechselseitigen Abhängigkeit von Staat und Religion allseitige Anerkennung gesunden hätte, wie würden sich die religiösen Verhältnisse nun gestalten können? Die jüdische Religion müßte vom jüdischen Staate unbedingt zum Range einer Staatsreligion erhoben werden, wenn aber nun ein Mitglied besagter Nation Atheist ist, oder den Buddhismus schöner findet? Muß er in's Gefängnis oder gleich auf den Scheiterhaufen? Oder wird man sich milde damit begnügen, ihm die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen? Und was macht man mit andersgläubigen Ausländern? Sind sie Bürger zweiter Klasse? Müssen sie, falls sie Juden werden, d, h. naturalisiert werden, auch religiös übertreten? Wie will man sich mit den sonstigen modernen Staaten auseinandersetzen? Sollen diese Repressivmaßmaßregeln ergreifen und vom Juden beim Erwerb der Staatsangehörigkeit die Taufe verlangen? Ein solcher Iudenstaat wäre, um es rund heraus zu sagen, eine Hochburg der Rückständigkeit und der traurigsten Heuchelei! Ein solcher Iudenstaat, der Nation und Religion zugleich umspannt, würde einen der größten Fortschritte der gesamten Kultur einfach beiseite schieben, denn das moderne Staatsrecht kennt den Religionszwang nicht, verwirft ihn als unsittlich und als weg zur Heuchelei. Und wenn der preußische Staat indirekt einen solchen Zwang ausübt und durch kleinliche Maßregeln Dissidenten gegenüber sein Ziel, daß jeder irgend einer Religion angehören müsse, auf Umwegen zu erreichen sucht, wenn er auch direkt oft durch die Mißachtung des Judentums und Zurücksetzung der Juden uns glauben macht, daß wir in einem christlichen Religionsstaate leben, so wird solcher Zwang und Druck gerade von wirklich religiösen Menschen jedes Bekenntnisses als rückschrittlich, kulturfeindlich und demoralisierend empfunden! Die moderne Entwicklung hält es sogar für eine Heuchelei, wenn man den Namen einer Religion trägt, der man im Kerzen fernsteht, geschweige denn den Uebergang zu fremder Religion ohne Ueberzeugung aus äußeren Gründen vollzieht. Solch ein jüdischer Staat würde aber diese Heuchelei genau so verlangen, wie es bei uns im Taufjudentum zu finden ist. wer sich bei uns nicht zur vorschriftsmäßigen, christlichen Konfession bekennt, mag er-im Herzen welche Anschauungen auch immer tragen, wird weder Offizier noch Staatsanwalt, und wer im jüdischen nicht zur Staatsreligion gehört, hat ähnliches zu erwarten. Im jüdischen Staate geschähe das aber von Rechts wegen! Wir Juden haben doch wahrhaftig genug unter der Verquickung von Staat und Religion, unter der Theorie vom christlichen Staate geseufzt, so daß wir ganz genau wissen, welch einen Segen die Ueberwindung dieser Lehre bedeutet. Das einzige annehmbare Dogma der Zukunft lautet: Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit! Proklamiert auch der jüdische Staat diese, wovon im kommenden Abschnitt die Rede ist, so ist es mit der Wechselwirkung aus, und Religion ist Privatsache. Entscheidet er sich für jüdische Staatsreligion, so ist das ein Schlag in's Gesicht aller Kultur und fördert Intoleranz, Unsittlichkeit und Heuchelei. Die bloße Vorstellung eines solchen Iudenstaates ist die beste Widerlegung der ganzen Theorie.