Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126517--0779-3127569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

60 o o 0 o Pvsf. Ar. Kuttner: Szenische Arider aus der jüdischen Geschichte Bachja. Mer in den Quellen unsrer Religion Bewandert ist, den nenn' ich gerne Rabbi. Iosef. Das hör' ich gern; Hab' Dank für dieses Mort! Denn Thora Hab' ich wohl studiert und Talmud, Die ganze Tradition ist mir bekannt. Und was sie lehrt, ist mir ein Gotteswort, Ihm folg' ich, ohne zu philosophieren. Die Tradition erspart mir eig'nes Denken. Ist's noch Gehorsam, wenn ich denk' und prüfe? Bachfa (zu Josef). Durch Denken erst wird Erbe Eigentum! Gestatte, daß ich dir ein Gleichnis gebe: Einstmals befahl ein Rönig seinem Diener Gewisse Summen Geldes einzufordern. Zu prüfen und sich selbst zu überzeugen, Daß Zahl, Gewicht und das Gepräge richtig. Mie nun die einzelnen die Gelder brachten, Versichert' ihm ein jeder, alles stimme, Er dürfe ihrer Ehrlichkeit vertrau'n. Er glaubte ihrem Mort und unterließ Sich selbst zu überzeugen. Als der Rönig, Dem diese Gläubigkeit zu Ohren kam. Ihn wegen einer Summe näher fragte, Ronnt' er darüber keine Auskunft geben. Erzürnt, daß fein Befehl so schlecht befolgt. Entließ er sehr ungnädig seinen Diener. Und das mit Recht: an Fähigkeit Gebrach's ihm nicht, doch war er zu bequem. So steht es auch mit dir! Ist dein Verstand Nicht stark genug zum Denken, bist du schuldlos Und gleichest dann den grauen und den Rindern, Die alles nehmen hin auf Treu' und Glauben. Doch Haft du Einsicht und Verstand genug, Die Tradition zu prüfen und dir so Ein wohlbegründet Urteil zu verschaffen, So ist es deine Pflicht, die Tradition Mit der Vernunft in Harmonie zu setzen. S a l o m o n. Du sprichst mir aus der Seele, teurer Rabbi! Mozu gab uns der Lseil'ge den verstand, Menn wir ihn nicht vernünftig brauchen dürften? Gott selber tut nichts Unvernünfttges. Ein Rind mag dem Gebote blindlings folgen, Ein Sklave dem Befehle seines Herrn; Doch der erwachs'ne Mensch, vernunftbegabt. Er ist kein Rind und ist kein Sklave Gottes; Frei steht er seinem Schöpfer gegenüber Und die,l' ihm als ein d e n k e n d e s Geschöpf. Gott sieht ins Herz, kennt unsere Gedanken, Ihm kann es nicht gefallen, wenn das Tun Mit den Gedanken nicht im Einklang steht; Nur der gefällt, der ihm in M a h r h e i t dient. Drum muß ich denken, prüfen; und was mir Bei dieser Prüfung nicht bestehen kann, Sei's noch so alt, ich werf' es über Bord, Und bliebe mir nichts übrig als das Mort, Das einst von Micha ausgesprochen ward: „Mas ist's, o Mensch, das Gott von dir verlangt? Nichts weiter als Gerechtigkeit und Liebe Und demutvoll vor deinem Gott zu wandeln/'' B a ch j a. Ich hoffe doch, mein Rabbi Salomon, Daß dir bei deiner Prüfung mehr noch als Dies eine schöne Mort nur übrig blieb. In Einem zwar bekenn' ich mich zu dir: Des Glaubens beste Stütze ist Vernunft, Gott gab sie uns, und sie führt niemals irre. Doch ruht die Religion nicht nur auf ihr; Dem Geist ist ebenbürtig das Gemüt; Erst aus dem Kerzen strahlt das rechte Feuer, Das Herz nur schafft den wahren Gottesdienst. Ihr blickt erstaunt — ihr sollt mich gleich verstehn. Gebot und Verbot unsrer Religion Mit dein Verstände prüfend, fand ich, daß Sie Herzenspflichten sind und äußre j)flichten. Doch Schrift und Tradition sind darin einig. Daß die Erfüllung dieser äußern Pflichten Vollkommen wertlos wird, sofern sie nicht Zum Fundament die Herzenspflichten hat; Auf diesen ruht der wahre Gottesdienst, Und sie nur geben allem Tun den Mert. Damit ihr mich auch recht verstehet, will Ich einige, der Herzenspflichten nennen. Der Glaub' an einen Gott und offner Sinn Für seine vatergüt' und Munderwerke, Das Gottvertrau'n in allem unfern Tun, In steter Demut und Büßfertigkeit Sich selbst zu prüfen und im Meltgetriebe Nicht zu versinken, ganz nur Gott zu leben Und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben — Das alles sind wohl Herzenspflichten, die Ich jetzt nicht breit entwickeln, sondern nur Andeuten kann; doch denket selber nach! Auf diesem Fundament nur hat Erfüllung Der äußerlichen Pflichten einen Mert; Doch wertlos sind sie, fehlt dies Fundament. Erst gestern, am Versöhnungstag, habt ihr's Gehört aus des Jesaja eignem Munde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.