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Liberales Judentum · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 Ar. SaLoruonski: Are SerLiner „Knabenschule" und ihr Leiter kaum zusprach, da er feurigere Stoffe goutierte. An ihm vorbei geht es die Treppe hinauf, und nun ist es mir, als säße ich wieder in der untersten, der achten Rlasse: vor uns steht der unvergleichliche, der beste Rinderlehrer, Raphael Tohn und führt uns spazieren zum Prunk- und Glanzstück seines Reiches, zur schwarzen Wandtafel mit der wundervoll gezeichneten Gluckhenne und dann malt und malt er in unübertroffener Ralligraphie seine schönen, breiten Buchstaben . . Und weiter geht es im . Geiste in die Rlasse VHa, wo uns der Lehrer Rosenthal entgegentrat, in unseren Augen der Gewaltigste nach dem Rektor, weil auch er ein Büchlein mit sich trug, das aber war (uns schien es ein Unterscheidungsmerkmal und Abstufung der Würde), schön braun gebunden. Ständig inspizierte dieser Lehrer die Lektionen der Seminaristen, und seine unterrichtlichen Winke, die uns zwar nicht galten, find mir später beachtenswert erschienen. So warnte er die jungen Lehrer, allzu forsch mit dem Suchtmittel des Tadels umzugehen. Erst drei Strafpunkte sollten einen „Strich" bilden. Wie empfand aber dann auch der endlich einmctl „Eingeschriebene" die Wucht und das Vollgewicht seines Vergehens! Im Uebrigen erfolgten solche Hinweise mit einer Delikatesse, die den oft schweren Stand des Seminaristen vor der Rlasse nur hob und die Jünger Pestalozzis befähigte, aus der Stunde ein Runstwerk zu machen und gegen jeden Zwischenfall mit pädagogischen Waffen gefeit zu sein. So behandelte einst ein junger Lehrer die bekannte Erzählung von Friedrich dem Großen auf der Truppenrevue. Ich hatte die Rolle des jungen Franzosen zu spielen, der des Deutschen unkundig die eingedrillten Antworten infolge abweichender Fragestellung des Rönigs ganz verkehrt beantwortet. Diesnral erschien der Rektor selbst und im Augenblick mit dem Rern der Erzählung nicht vertraut, hieß er mich ob meiner scheinbar törichten Reden niedersetzen. Da aber konnte man so recht den Geist des Seminars erkennen. Der junge Mann auf dem Ratheder kämpfte einen schweren Rampf, er durfte mich nicht rügen, noch 'seinen Lehrer desavouieren. So lenkte er denn vom Thema ab, als aber die Stunde zu Ende war, orientierte er den Rektor, der sich über das Taktgefühl seines Zöglings gewiß gefreut hat, mich aber sofort fragte: „Bist Du mir auch nicht böse?" — Wenn eine Schulfeier den gleichförmigen Rreislauf des Jahres unterbrach oder der Semesterschluß nahte, dann erschien uns in der Aula in dem Musikdirektor Lewandowski eine andere Persönlichkeit, die stark auf uns einwirkte, wiewohl seine ganze Bedeutung uns Rindern natürlich verschlossen blieb. Wie er so an seinem Harmonium saß, umgeben von den Sängern, die dichtgedrängt, Ropf an Ropf die Estrade füllten, das alles wirkte auf uns ein wie ein Gottesgericht. Dann teilte unter lautloser Sülle der Rektor Zeugnisse und Versetzungen mit und überreichte die Prämien in Gegenwart der Lehrer und der Seminaristen. Noch einmal muß ich gerade ihrer Erwähnung Lun in Erinnerung an die Ferien und schulfreien Tage und die löbliche Sitte, mit uns Schülern kleine und oft belehrende Ausflüge zu unternehmen. Berlin war vor etwa zwanzig Jahren — soweit reichen meine ersten Erinnerungen — zwar keine kleine Stadt, aber Zentrum und Peripherie zumal hatten doch damals einen ganz anderen Tharakter. wie denke ich mit Freuden an den Spree-Spaziergang, begonnen bei der alten, hölzernen Waisenbrücke (ich hatte zwanzig Pfennig in der Tasche und hätte mit keinem Rönig getauscht!), wo der Lehrer ein Stückchen Holz oder Papier ins Wasser warf, um den Stromlauf zu erklären — bis hinauf zum verschwundenen Mehlhause, an des-

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