Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Ar. Salsmsnski: Wie KerUnrr „Knabenschule" und ihr Leiter Die Berliner „Knabenschule" unäikr Leiter. Erinnerungen beim Rücktritt des Kgl. Seminardirektors Dr. Holzman. Von Rabbiner Dr. M. Salomonski-frankfurt a. 0. ie Nachricht der Amtsniederlegung Dr. Liolzmans hat bei allen, die ihn kennen, Gedanken über diesen ausgezeichneten Mann und schöne Erinnerungen zugleich geweckt. And wie ja die Erlebnisse der Jugend jedem die Seele rühren, weil sie sanfte Boten einer glücklichen Zeit sind, so überkommt auch mich bei der Botschaft seines Scheidens mächtig der Gedanke an meine ersten Schuljahre in der Knabenschule, die mit seiner Person organisch so verbunden ist, daß beide nicht einmal in der Idee getrennt werden können. Füglich darf vielleicht, wenn er gefeiert wird, auch von der Schule erzählt, Rühmenswertes berichtet und mit anspruchslosen Erlebnissen verflochten werden. Denn ihre Geschichte ist ja sein Leben! Deutlich steht mir zunächst, — wie es der topographische Sinn ja will —, der Aufmarsch des Schülerheeres uni die achte UTorgenstunde vor Augen. Aus den verschiedensten Stadtteilen kamen die kleinen und größeren äisoixuli, truppweise wandelten Brüder, Verwandte und Freunde einträchtig zusammen, um kleinen Bächen gleich in den starken bsauptstrom der Großen Hamburger Straße einzumünden. Der aber rollte gebändigt seines Weges, wie der gewaltige Flußriese, wenn er still und ruhig seine Wasser dem Gzean vermählen will, wenn wir nun so um die Ecke der Oranienburger Straße bogen, dann strafften sich Sinn und Körper, denn schon fühlte man die Nähe des „Rektors" holzman (das war damals der Titel des jetzigen Seminardirektors), der mit unfehlbarer Gewißheit bereits vor dem Portal des Schulgebäudes stand, jeden einzelnen musterte und grüßte. In der Hand hielt er das schwarze Buch, das Attribut seiner Würde (so malte es sich 'im kindlichen Sinn). Wer hätte ohne leises Zagen je ihm ins prüfende Auge geblickt, das hoheitsvoll und grundgütig zugleich auf den Schülern ruhte! So ging es hinein in das alte, ehrwürdige Haus mit den lateinischen Goldbuchstaben unter den Aulafenstern, auf getrennten Pfaden in die gemütlichen, anheimelnden Klassenzimmer. Nicht ohne Wehmut sahen wir es vor wenigen Jahren verschwinden, denn gleich dem ewig frischen Geist in seinem Innern schienen auch die Mauern nicht altern zu wollen. Hier darf ich, nicht des „historischen" dreiteiligen Fensters vergessen, aus dem der Rektor von seinem Arbeitszimmer auf den vorderen Teil des Schulhofes blickte, wie flogen die Hüte, wenn er sichtbar wurde, und nie kann ich die «Anal des Wintertages vergessen, als ein tückischer Knoten an meiner Pelzmütze (sie war mit wärmenden Ohrenklappen versehen) mir den Gruß verbot, der Rektor aber, dessen Scharfblick nichts entging, freundlich grüßend abwehrte, war ich doch damals auf dem besten Wege, ein zweiter Alexander zu werden und in Ermangelung des Schwertes das hindernde Band mit der Kraft der Fäuste zu zerreißen! Und nun sei auch dem kleinen Geist des alten Kaufes ein Wort der Erinnerung geweiht, dem alten Gericke, einem garnicht grimmigen Terberus vulgo Schuldiener oder Pedell. Er glich an Würde einem kommandierenden General —, wenn er, die Taschenuhr in der Linken, sich anschickte, die Schulglocke zu läuten — und war sich bewußt, ein wichtiges Glied im Ganzen zu fein, wer kennt nicht noch feinen Frühstücks- und Milchkeller, dessen Genüssen er nach unverbürgten, aber glaubwürdigen Gerüchten allerdings