Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Pr. Gsldurann: Zionismus oder FiberoLismus? lichkeit betonen und ihren großen wert für die Weltkultur zu erweisen suchen. Es gibt ja verschiedene Arten von Mission. Man kann mit der schießenden Flinte und dem hauenden Säbel Milde von der Vortresflichkeit einer Religion zu überzeugen suchen, und man kann ohne laute Propaganda durch ernstes Festhalten an einem Gedanken ihm nützen und seine Verbreitung fördern. Ich stehe aus dem Standpunkte, daß die jüdische Religion den höchsten bisher erreichten Grad der Religion darstellt, und ich halte daran fest, wenn auch 'der Zionismus dies für hochmütig hält, andere Religionen und Religionslosigkeit für gleichwertig erachtet und den Juden, der von seinem Glauben so hoch denkt, verhöhnt. Ich bin auch der Ansicht, daß das Bestehen des Christentums und des Islams trotz ihres Hasses gegen das Judentum lebendige Zeugen für seine missionierende Kraft darstellen, die nur, da sie mit dem Heidentum .Kompromisse schlossen, vielleicht klüger waren und dadurch äußerlich größeren Erfolg erzielt haben. Ich stehe aus dem Standpunkt — mögen ihn mir die Zionisten verzeihen —, daß die Ethik und die Religionsdogmen der Zukunft die jüdischen sein werden, und daß aus allen diesen Gründen tatsächlich 'das Judentum mit der Mission begabt ist, die Religion der Zukunft nicht untergehen zu lassen. Märe Israel einst vor die Mahl gestellt gewesen, ob es in die Fremde ziehen wollte oder nicht, so hätte es daheim im Lande bleiben können. Man vergesse freilich nicht, daß es dann sich vielleicht noch eine Zeit als Nation hätte erhalten können, daß es aber als Religion für die Melt nichts mehr bedeutet hätte! Menn wir uns nun mit zwingend logischer Notwendigkeit in der Diaspora erhalten mußten, so wüßte ich nicht, welche selbstverständlichere und schönere Mission wir haben könnten, als die Erhaltung dieser Eigenart. Dieses Missionsideal haben die Rabbiner nichk erfunden, sondern es liegt im Wesen dev Religion begründet. Und die Mission bestehr in nichts anderem, als daß Israel seinen universalen Gottesbegriss und seine universale Ethik nicht ausgibt. M i s s i o n i st n i ch t s wie der in die Praxis übersetzte Universalismus! Und darin .liegt dev tiefere Grund, warum der Zionismus die Mission dadurch tot zu machen sucht, daß ev sie der Lächerlichkeit preisgibt und sie leugnet. Er weiß, daß der Missionsgedanke, dev ewige wert, solange er die Gemüter beherrscht, das Kind der Zeit, den Nationalismus, in den Seelen der großen Mehrzahl der Juden nicht Wurzel schlagen läßt. praktisch macht ja der Zionismus besonders den liberalen Juden den Vorwurfs daß sie das Missionsideal mißbrauchen, und den schwer leidenden Juden des Ostens.statt mit Geld und praktischer Hilfe mit der klingenden Phrase unterstützen, es sei Iuda's Mission zu dulden und sich die Märtyrerkrone auf das Haupt zu setzen. Ich 'weiß nicht, wo diese „liberalen" Inden existieren. Fände ich sie, so würde ich sie ohne weiteres als das> was sie wirklich sind, kennzeichnen. Ich glaube auch nicht,, daß ihrer welche gibt, sie müßten sich 'denn an dem Nationalsonds, dem „Eigentum des jüdischen Volkes", ein Beispiel genommen haben, der — vor ganz, kurzer Zeit war es wenigstens noch so — zwar aus den Pfennigen der ärmsten untev den Armen gesammelt wird, der aber untev keinen Umständen zur Linderung der Not besagten jüdischen Volkes verwendet werden darf, sondern für irgend welche nebelhaften Landankaufszwecke aufgespart werden soll. Die Linderung der entsetzlichen Iudennot von heute überläßt gütiger Meise — gewiß mit unendlicher Ueberwindung — der Zionismus uns liberalen Juden mit dem Missionsideal. (Fortsetzung folgt.)