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Liberales Judentum · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 53

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Gsldmann: Zionismus oder Liberalismus? 53 daß diese Denkweise historisch absolut nicht zu begründen ist, stören zu lassen, ohne zu bedenken, wie sehr sich beide widersprechen und wie die Entstehung des zweiten aus dem ersten diesen zu einer, weil sittlich niedrigeren, überwundenen Stufe der religiösen Erkenntnis gemacht hat. Das beste Beispiel für die andere Art, wie der Zionismus einfach Begriffe leugnet, die fein religiöses System nicht herabwürdigen kann, ist der Missionsgedanke. Was heißt Mission? Dazu gehört zunächst die Frage, ob die Zerstreuung Israels im -plane der Vorsehung gelegen habe oder nicht. Ich gestehe, daß ich nicht die Notwendigkeit einsehe, die Zerstreuung Israels irgendwie mit der göttlichen Vorsehung in Verbindung zu bringen, schon aus dem einfachen Grunde, weil man den Standpunkt nicht verschieben und das Hauptgewicht nicht auf die Zerstreuung legen darf, sondern auf die Erhaltung trotz der Z e r st r e u u n g. Man sollte mit dem Begriff „Vorsehung" überhaupt sehr vorsichtig und zurückhaltend operieren und sich nicht ein Beispiel an Joseph nehmen, der sogar den — Antisemitismus als Akt der Vorsehung betrachtet? Es kann bei der Zerstreuung deshalb von einer Vorsehung keine Rede sein, weil dies eine Erscheinung ist, die ganz natürlich und bei jedem einigermaßen rührigen und intelligenten Volke zu bemerken ist, sie bildet durchaus keine spezifisch 'jüdische Erscheinung. Die Zerstreuung Israels hat auch nichts mit der Zerstörung des Tempels zu tun, sondern sie hat bereits Jahrhunderte zuvor begonnen, und die bei der Auflösung des Reiches sich verbreitenden Scharen bedeuten gegenüber der bereits bestehenden Diaspora nur wenig. Nun muß man aber fragen, warum bei den Juden sich diese Diasxoraansiedlungen erhalten haben, bei anderen Völkern aber, so z. B. bei den stark zerstreuten Deutschen, nicht. Die Antwort sei vorweggenommen: eine nationale Diaspora geht zu Grunde, eine religiöse erhält sich! Warum sind die zehn Stämme zu Grunde gegangen? Weil ihr Hauptkennzeichen und Bindemittel nicht die Religion war! Warum, hält sich die deutsche Diaspora im Auslande nicht? Warum ist sie spätestens in der dritten Generation völlig assimiliert? Weil die Bande, die sie Zusammenhalten, rem nationaler Natur sind, die nun einmal nur auf beschränkte Dauer wirken. Schon beiden babylonischen Exulanten aber hatte die Arbeit der Propheten genützt, schon sie schoben die Religion vor die Nation, und nur darum haben sie sich gehalten, und es ist nur ein Beweis mehr für die Tatsache, daß 'Israel nie eine rechte Nation, sondern stets mehr eine Religionsgemeinschaft war, wenn wir sehen, wie fast jede spätere Diaspora bleibt, die alexandrinische, die babylonische, die spanische, die römische. Das Bemerkenswerte in unserer Geschichte ist nicht, daß wir zerstreut wurden, denn das kam bei jedem Volke vor, sondern, daß die zerstreuten auf religiöser Basis geeinten Teile, obwohl sie in den Rahmen anderer Nationalitäten eindrangen und dort aufgingen, sich in ihrer religiösen Eigenart hielten. Israel ist also nicht zerstreut worden, um Mission zu treiben, sondern trotz der Zerstreuung hat es sich erhalten, und da es wegen seiner religiösen Eigenart geblieben ist, ist es eine selbstverständliche Dankespflicht, daß es diese Seite seines Wesens pflegt. Und Mission ist im letzten Grunde nichts anderes als die gewissenhafte pflege dieses religiösen Charakters des Judentums. Denn wenn die jüdische Diaspora die Jahrhunderte überdauert hat, eben wegen ihres religiösen wertes, so weiß ich wirklich nicht, welches verbrechen es ist, wenn wir Juden aus dieser Tatsache die einfache Konsequenz ziehen und Mission treiben, indem wir unsere charakteristische Eigentum-

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