Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 1× ep/1005097
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52 Ar. Goldman«: Zionismus oder Liberalismus? lichen Sinne, sie hat von ihr nur den Namen und andere Aeußerlichkeiten; sie ist ein Priesterstaat, bei dem der Unterschied von den anderen Völkern kein prinzipieller, also t r e n n e n d e r ist, sondern ein gradueller, also verbindender, denn die trennenden Schranken bestehen in nichts wie in einem inehr oder minder großen Grad von Heiligkeit. U)ie hilft sich nun der Zionist, der das Kunststück fertig bringen will, nationalistisch und universalistisch zugleich zu sein. Joseph hat eine Methode erfunden, die in ihrer Einfachheit geradezu verblüffend ist. Nach ihm haben teils die ethischen Begriffe eine Doppelnatur, indem sie einen nationaler: Charakter für das Volk Israel aufweisen und einen universalen für die übrige Menschheit. teils auch — sobald dieses Mittel zu allzu absonderlichen Folgerungen führen würde oder aus anderen Gründen nicht anwendbar ist, leugnet er die universalen Begriffe einfach ab. An zwei wichtigen Beispielen seien diese Methoden und ihre Fehler erläutert. Das Einführen der „auswechselbaren", doppelten Ethik versucht Joseph beim Messianismus. Für den einsichtigen Beurteiler der Geschichte bestand bisher über den Messianismus kein Zweifel hinsichtlich seiner Entwicklung, die folgendermaßen verlief: Aus der ursprünglichen Sehnsucht des Volkes nach den Glückstagen Davids entstand unter der Erkenntnis, daß die Sünde des Volkes, die Unreligiosität am Unglück die Schuld trage, das Bild eines messianischen Reiches, in dem einer zweiter David das Volk herrlichen Zeiten entgegenführt. Dieser rein nationale Messianismus wird durch die Propheten gesprengt, welche durch Hineintragen des universalen Moments — nicht inehr handelt es sich um Glück und Zukunft Israels allein, sondern um das der ganzen Welt — die nationalen Züge jeder Wesenheit entkleiden und sie zu historischem Beiwerk gestalten, während der Inhalt ein ganz anderer geworden ist. Diesem universalen Messianis- 1NUS gibt bereits der Prophet Jesaja im berühmten elften Kapitel den schönsten Ausdruck. Im weiteren Verlauf verwischen sich die nationalen Züge immer mehr, bis schließlich sich das uralte Glenugebet als Ergebiris der Entwicklung bietet, dessen zweiter Teil als sichtbarer Ausdruck der giltigen messiaiiischeii Hoffnung auch nicht eine Spur mehr von der nationalen Erwartung Israels enthält, soiidern nur den Sieg des einen Gottes, seine Anerkennung durch alle Menschen und das Gottesreich auf Erden erfleht. Dieses Gebet, das ursprünglich nur für das Neujahrsfest geschriebeii ward, ist wegen seiner wahren messianischen Hoffnung zu einem Stück geworden, das jeden Tag dreimal gebetet wird, es ist das Gebet, das mit am allerhäufigsten gesprocheii wird, ohne daß Joseph sowohl das Gebet selbst, wie seine große Beliebtheit beim allerbesten Willen für ein Teufelswerk der inodernen Assimilationsrabbiner wird erklären köniien. Der rein nationale Messianismus ist überwunden, und was noch von Resten irr den Gebeten zu stecken scheint, sind historische Reminiszenzen, Anlehiiungen an Prophetenworte; denn der wuiisch der Sammlniig des Volkes kann ohne die Bitte, daß alle Völker sich Gott zuweiiden, iiicht nrehr verstanden' werden. So entwickelt sich klar mit zwingender Logik der nationale Messianismus zum universalen. was tut nun der Zionismus, in dieser unbequemen Lage? Er macht aus dein Abhängigkeitsverhältnis ein coordiniertes, er stempelt den iiationalen, den Vater des anderen zu seinem Bruder. Er trennt mit kühnein Griffe und konstruiert einen beschränkt iiationalen Messianismus für die Juden, und — gewissermaßen als Aushängeschild — einen universalen, ethischen für die übrige Welt, ohne sich durch die Kleinigkeit,