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Liberales Judentum · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 44

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 44 (sequence 20)
Language
German
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44- Rundschan o o o o Zudentunr. Diese Verständnislosigkeit zusammen mit den Verlockungen wirtschaftlicher Art führten dann zu den Massentaufen. Durch den Ra,senanlisemitismus wurden dann die Juden zur Selbstbesinnung wieder gebracht. Aus einer Art von Pietät oder Trotz heraus blieb man beim Zudentum. Die zweite passive Reaktion war der Zionismus, es entsteht der Typus des atheistischen Rassenjuden; der Begriff „Judentum" wird umgcwertet zu etwas politisch-nationalem. Das Judentum, das sich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in unser Jahrhundert hinübergerettet hat, bedeutet ein Minimum an religiösen Merten und Behauptungen, ein Abstreifen der religiösen Kerngedanken, ohne welche eine Religion nicht existieren kann. Dadurch, daß die Zuden der zweiten Hälfte des l). Jahrhunderts den Materialismus einfach übernommen haben, ist ihnen allmählich der innere Sinn verloren gegangen für das, was in der Religion an Behauptungen steckt. Dadurch befand sich das Judentum zu Beginn dieses Jahrhunderts in derselben geistigen Lage, wie vor 50 Zähren. — Die geistige Läge aber, in der wir heute stehen, ist eine radikal andere, als die, in der wir in den letzten 50 Zähren gelebt haben. Religion und religiöse werte werden heute nicht .mehr als eine quantits ns§Ii§6Lbl6 empfunden. Der Materialismus ist heute defini iv zufammengebrochen bei allen Persönlichkeiten, die wissenschaftlich ernst genommen werden. Die Grundbehauptung des Materialismus, daß das seelische Leben eine Art Produkt der Materie sei, ist heute von der Psychologie und Physiologie aufgegeben worden. Mährend in früheren Zahrhunderten die Philosophie der Religion feindlich war, steht sie ihr heute freundlich gegenüber; in der Literatur und Kunst werden religiöse Themen behandelt und auch in dem allgemeinen Kulturleben findet man religiöse Stimmungen. Reflektionen über den Zweck der ungeheueren Anspannung der Kräfte, des sinnlosen b^inhastens erzeugen einen Kulturxessimismus, wie bei Tolstoi und ein religiöses Verlangen, das seltsame Bildungen .zeitigt, Bildungen, die aber alle an dem Fehler kranken, daß sie glauben, man könne Religion konstruieren. Zrgendwie muß aber an das Alte, an Erlebnisse angeknüpft werden, die schon einmal durch Menschenherzen hindurchgegangen sind. Nach dem Worte des schwedischen Dichters Runeberg: „Es muß von dem Alten, das altert, lassen, wer das Alte festhalten will, das rächt altert", muß die liberale Bewegung im Zudentum handeln. Mir Znden haben in den Büchern der Bibel dasjenige, das auch unser Leben religiös entzünden kann, wenn der moderne Kultursude imstande ist, innerlich wieder anzuknüpfen an dasjenige, was in der Bibel an religiösen Erlebnissen gegeben ist, dann wird er eine geistige Erhöhung erfahren. Mer heute rächt mehr, wie unsere Vorfahren, glauben kann, daß, wörtlich genommen, der Geist Gottes in der Bibel sich offenbart habe, wer den Glauben, daß jedes Mort genau von Gott stamme, nicht mehr haben kann, der muß zu einer zuerst von Herder ausgesprocherren geistigen Offenbarung kommen, die Bibel auffassen als eine Erschließung göttlicher Weisheit, göttlichen Wesens, aber eine Erschließung die durch Menschenseelerr in bestimmten Kulturverhältnissen hindurch gegangen ist. So aufgefaßt, entspricht die Bibel auch den Bedürfnissen unseres inneren Lebens. Auf dieser Grundlage faßt Herr Professor Goldstein die Religion des liberalen Zudentums in tieferem Sinne auf als den versuch, dasjenige, was an religiösen Gedanken und Merten uns überliefert ist, mit unseren deutsch-jüdischen Anschauungen zu verschmelzen und umzugestalten zu einer Einheit. Dazu bedürfe es aber eines Ringens und Kämpfens. „Zsrael" heißt „Gotteskämpfer", bedeutet, ein Mensch sein, der Ehrfurcht hat vor den Geheimnissen des Daseins, durch den die Schauer religiöser Ergriffenheit hindurchgehen. Ein Zude, der innerlich ein Verhältnis zur Bibel habe, der habe auch innerlich ein Verhältnis zur deutschen Kultur und gewinne Verständnis für die tieferen geistigen Mächte der Gegenwart. Die große Aufgabe der Zukunft in der liberalen jüdischen Bewegung erblickt der Redner darin, eine Form des Zudentums zu schaffen, die auch dem kulturschöpferischen Zuden es gestattet, nach seinem Genius Zude zu bleiben und sich Zude zu nennen; das Zudentum wieder aus einer Religion des Unglaubens zu einer Religion des Glaubens zu machen. — Wenn die liberalen Zuden imstande seien, die Religion der Bibel zu

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