Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau 43 Ihnen, verehrter Herr Professor, gilt als Gegensatz der Assimilierung „die Erhaltung des Judentums, der Religion und des Volkstums in seiner geschichtlicher Besonderheit", 5te meinen, der Jude verlange nicht Duldung für das Judentum, bis vor einem Jahrhundert die einzige Forderung, „sondern volle Gleichstellung, völlige Indifferenz der Gesellschaft und des Staats gegen die Tatsache, daß jemand Jude sei." (II, 523.) Allerdings stehen rvir nicht mehr auf dem Duldungsstandpunkte, von dem Seine sang: Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du, du duldest, daß ich atme. Daß du rasest, dulde ich. Seit Hessings Nathan, feit Gabriel Riessers, des gleich Nichtigen Deutschen wie Juden, mannhaftem Auftreten, heißt nicht mehr Duldung die Losung, sondern Recht und Gerechtigkeit, nur von denen verkannt, die auf dem leidigen Standpunkte des Autochthonentums, auf dem altgriechischen Barbaren- und Helotenstandpunkte stehen, oder die dem alten Pharaonensatz huldigen: sie könnten zu viel werden. Kunäläiau. Kevlrn. Die von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland eingesetzte f5er Rommission hat am Sonntag, den 29. Januar, in Berlin, abermals eine Sitzung abgehalten. Der wesentliche Teil der Vorarbeiten ist beendigt, so daß die Rommission mit der ersten Lesung der Referate beginnen konnte. Bei dem Eifer, mit dem jedes einzelne Mitglied der Rommission sich an den Arbeiten beteiligt, ist zu hoffen, daß etwa im Herbst d. I. die Rommission ihre Arbeit erledigt haben wird. KrrLin. An: Montag, den 6. Februar, fand eine Versammlung der „jüdischnationalen und „zionistischen" Iugendvereine" statt, in der die Herren Rechtsanwalt Dr. Rlee und Dr. Zvitkowski über das Thema sprachen: „Ist der Zionismus eine Gefahr für die jüdische Jugend?" Anstatt aber diese Frage zu beantworten, begnügten sich die Referenten, zumal Herr Dr. Rlee, damit, ihre Gegner, die Liberalen, in Grund und Boden zu verdanunen, und besonders Herr Dr. Löwe als Diskussionsredner glaubte das, was ihm an tatsächlichem Material fehlte, durch die Rraft seiner Lunge ersetzen zu können. Unter dem Beifall eines großen Teiles der Versammlung gelang es Herrn Rechtsanwalt Dr. Jaffa, seine zionistischen Gegner mit rein sachlichen Momenten zu widerlegen, während Herr Direktor Gstberg klar das Programm des „Jüdischliberalen Iugendvereins" entwickelte. Erft gegen V22 Uhr morgens schloß die Versammlung, in der es oft zu stürmischen Szenen kam, konnte es doch geschehen, daß zionistische Ordner sich handgreiflich an unseren Freunden vergingen. Auch hier, wie in der gegnerischen Versammlung vom 16. Januar hatten wir einen Erfolg zu verzeichnen, indem eine große Anzahl Damen und Herren dein „Jüdisch-liberalen Iugendverein" beitraten. Leipzig, im Januar \9U- Die Ortsgruppe Leipzig der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland hat am 4. Januar dieses Jahres eine Versammlung veranstaltet, in welcher Herr Professor Dr. Julius G0ldstein aus Darmstadt vor einer zahlreichen Zuhörerschaft einen hochinteressanten, überaus geistvollen,- formvollendeten Vortrag über das Thema: „Die geistige Lage der Gegenwart und das I u d e n t u m" hielt. — Der Vortragende entwickelte die geistige Lage der Gegenwart im Einblick auf die Religion historisch aus den geistigen Einflüssen, welche etwa seit dem Jahre 18H8 auf die kulturelle Gestaltung des Judentums eingewirkt haben. Er ging davon aus, wie der die Mitte des vorigen Jahrhunderts beherrschende, von Feuerbach, David Friedrich Straus und anderen getragene Materialismus die Religion für ein Reberblcibsel aus einer wissenschaftlich überwundenen Epoche betrachtete. Mit dieser Ueberzeugung wuchsen auch viele Juden in die moderne Rultur hinein. In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelte sich daraus eine Periode der Verständnislosigkeit in Bezug auf Religion und