Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 42 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Aus Cmil Fehmanns Schriften — erfaßt mit gleicher Gewalt das Menschenherz des Juden wie des Christen; ergreifendes Orgelspiel ward hüben wie drüben zur Erbauung. Der Ginwand der Sabbatentweihung durch Orgelspiel entstammt talmudischen Klügeleien über verbotene Sabbatarbeit: Hirngespinste, über welche das praktische Lieben längst zur Tagesordnung überging. Soviel nun der Gottesdienst durch diese Reformen, durch die Macht der Töne, die Schönheit des Gotteshauses, die Aufrechthaltung strenger Ordnung, die kvertlegung auf formvollendete, gedankenreiche, herzerhebende, überzeugungstreue predigten gewonnen hat — noch viel fehlt, bis dem modernen Juden das Gotteshaus wieder voll und ganz wird, was es in minder ästhetischer Gestalt seinen Vorfahren vor 100 und mehr Jahren war — Euell und Mittelpunkt religiöser Empfindungen. Dem ästhetischen Sinn geschieht allmählich Genüge, dem ethischen nicht. Der jüdische Gottesdienst läßt uns kühl. Mögen wir die hebräische Sprache gründlich erlernt haben oder nicht; wir gleichen nicht mehr den Ahnen, denen — ob Gelehrten oder Aaufleuten — das Studium hebräischer Religionsschriften tägliches Bedürfnis und religiöser Genuß war. Die hebräische Sprache — so reich an Schönheiten — ist uns nicht inehr geläufig, nicht mehr das, als was man sie vor?9 Jahren ernstlich bezeichnet^: die Sprache, in der Gott redet. Als die Orthodoxen in Berlin damals ein Staatsverböt gegen den Tempel erwirkten, in welchem Zunz predigen und neben den hebräischen auch deutsche Gebete einführen wollte, suchten sie den Beweggrund hierzu — Unkenntnis des Hebräischen seitens vieler Tempelbesucher — mit der naiven Bemerkung zu widerlegen: wenn auch der Beter nicht verstehe, was er sage, so verstehe es doch Gott! Es gibt nur eine Sprache, die dem Menschen ans Herz gewachsen ist, die das unmittelbare, natürliche Ausdrucksmittel seiner Empfindungen ist: die Muttersprache. Denken kann er auch in anderen Sprachen, fühlen zunächst nur in der ihm angeborenen. Jede andere Sprache, mag er sie noch so gründlich erlernt haben, ist ihm künstlich eingeprägt, nicht natürlich entquollen. Sein Fühlen, sein Hoffen und Sorgen — in der Muttersprache findet es den ersten, unverfälschten Ausdruck. Und darum ist dem deutschen Juden deutsch die natürliche Gebetsprache. V. Aus: „Offener Brief an Kerrn Krsfeffar Paulfrn". Und nun, hochverehrter Herr Professor, lassen Sie sich auch sagen, warum ich und meine Glaubensgenossen, die gleich mir denken und fühlen, gleich mir Deutschland als ihr Vaterland verehren und kein anderes kennen, noch erstreben — dennoch sich nicht taufen lassen können: weil 1. der Uebertritt von einer Religion zur anderen nur dann ehrenhaft und anständig ist, wenn der Uebertretende von der überwiegenden Trefflichkeit der neuen Religion nicht nur, sondern auch von der Minderwertigkeit der alten überzeugt ist, 2. der Uebertritt ohne solche Ueberzeugung aber a) frivol ist, wenn der Uebertretendebeide Religionen geringschätzt oder für gleichgültig ansieht, b) heuchlerisch, wenn er von dem höheren oder gleichen Werte der alten überzeugt ist, e) feig, wenn der Grund des Uebertritts Flucht von der unterdrückten, zurückgesetzten Religion zur herrschenden, von der ecclesia pressa zur dominans ist, d) entwürdigend, wenn äußere Vorteile, Gewinn- oder Ehrsucht, Staats- und Ehrenämter zum Uebertritt verlocken, e) meineidig, wenn der Uebertretende das Glaubensbekenntnis, das er beim Uebertritt abzulegen hat, nicht voll und buchstäblich für wahr hält, endlich k) pietätlos und geschichtswidrig, insofern der Uebertretende den geistigen und seelischen Zusammenhang mit seinen Ahnen und seinen keidensgenossen löst.