Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 41 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Q O 0 o 41 Aus Gwil Fehmanns Schriften. Lei stolz, mein Lohn! — Die sein sich schämen, Sei's innerlich, sei's vor der Welt, Gb ihrer Abkunft gar sich grämen — Zfftt deren Kopf ist's schlecht bestellt. Lei stolz, mein Lohn! Zum ältesten Adel, Zum besten Bürgerstande zählt, Wen ohne Furcht und ohne Tadel Deutschtum und Judentum beseelt. III. Aus: „Are deutschen Juden vor und in fünfzig Jahren,, (1881). Die Frage nach dem Judentums in 50 Jahren möchte vermessen erscheinen. Ich bin kein Prophet, aber die Geschichte ist die Lehrerin der Zukunft. Wer freilich abgeschlossen hat mit dem Judentums, wer ihm den Grabstein bereit hält, wer da meint, es gehe zu Ende mit dein Judentums, es liege in den letzten Zügen, den muß die Kühnheit einer Prophezeiung für die nächsten 50 Jahre in Verwunderung setzen. Wer aber um sich blickt im Leben unserer Tage, wer Korn zu sondern vermag von der Spreu, wer zu unterscheiden weiß zwischen Wahrheit und Phrase, zwischen vorgespiegelter Forderung und wirklichem Bedürfnis auf politischem, auf religiösem Gebiete, wer den traurigen Erlebnissen grade der jüngsten Tage, den heillosen Selbstmorden, den ruhelosen Hetzjagden nach Gewinn mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wer die utopischen Ansprüche der Unzufriedensten und verfolgtesten unserer Tage, der Sozialdemokraten, ruhig und unbefangen prüft, wer sich die modernen Judenhetzen ansieht, ob sie nun mit xriesterkicher Salbung oder mit dem Brustton der Bierberedsamkeit auftreten — dem muß sich die Ueberzeugung aufdrängen, daß keiner Zeit der religiöse Sinn mehr nottat, als der unseren. Gerade weil wir so unendlich weit vorgeschritten sind in Bildung und Wissen, gerade weil — und mit vollem Recht — für die Erziehung auch des Aermsten und Niedrigsten im Volke heutzutage mehr denn je gesorgt wird, gerade weil alle die herrlichen Erfindungen unserer Zeit, welche die sogenannten Wunder alter Tage — seien es biblische, seien es geschichtliche — weit hinter sich lassen, die Summe der Kenntnisse auch für die große Masse unendlich erweitert haben — gerade deshalb ist heutzutage der Abstand zwischen dem, was der Kopf weiß und kennt und zwischen dem, was das' Herz fühlt und ersehnt, zu einer so tiefen Kluft geworden. Die Gemütlosigkeit wächst, je einseitiger der Verstand ausgebildet wird. Nur der ideale, der religiöse Sinn kann dem Einhalt tun: die Religiosität, für die Mehrzahl verkörpert in ber Religion. Mögen andere in ihrer Religion, wir Juden dürfen mit gerechtem Stolz in der unseren ein solch gemütergreifendes, beseelendes, beglückendes, Menschenwert und Menschenwürde hebendes Kleinod erblicken. Sie hat unsere Ahnen über Kerker und Scheiterhaufen hinweggeleitet, ihnen den Messiasglauben an eine lichtere Zukunft erhalten, ihnen — deß sind unsere Schriftschätze, deß sind unsere großen Glaubensgenossen aller Zeiten Zeugnis — die höchsten sittlichen Lehren und Vorbilder gegeben. IV. Ans: „Are Juden jetzt und ernst". Hand in Hand mit dem Ringen nach staatlicher Anerkennung, nach staatsbürgerlicher Gleichberechtigung ging das Verlangen nach religiöser Reform. Riesser und Geiger waren die Vorkämpfer, jener für Emanzipatkm, dieser für freiere Glaubensrichtung. Die Reform, vielfach angebahnt, in wichtigen Beziehungen erstrebt, ist doch lange noch nicht so tief eingedrungen in das Leben der jüdischen Religionsgemeinden und Familien, wie es dem geistigen und seelischen Bedürfnis entspricht. Wohl ist viel geschehen. Der Gottesdienst ward verschönt, veraltete Bräuche wurden beseitigt. Trotz des orthodoxen Einwandes: das sei christlicher Brauch, das sei Sabbatentweihung — ertönt jetzt in den Synagogen die Vrgel und erhebt die Gemüter. Noch aber bleibt viel zu tun übrig. Die Einwendungen gegen das Orgelspiel belehren über den Gang des Reformgedankens überhaupt. In alten Zeiten mußte das, was in christlichen Kreisen Brauch war, schon um deswillen für unjüdisch gelten, wie umgekehrt für unchristlich das, was den Juden heilig war. Heutzutage findet diese Auffassung nur in antisemitischen und orthodoxen Köpfen Anklang. Die Musik — erhaben über die Schranken der positiven Religionen