Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 0 O o o Ar. Stern: Urder den Glnudrn an Wunder Mir wollen hier den Begriff „Fügung" einfetzen. Ich möchte als Beispiel das Buch Esther anführen, ohne Rücksicht darauf, ob das erzählte Ereignis historisch genügend fichergestellt ist. Esthers Mahl zur Königin, die Schlaflosigkeit des Königs, die Gelegenheit Mordechais den König zu retten, sind Verkettungen, die man Zufall nennen kann, und die Geschichte Esthers kann bei der Annahme, daß sie stattfand, rationalistisch aufgefaßt werden. Aber leichter begreiflich wird diese ganze Kette von Zufällen, wenn sie ans Gott zurückgeführt wird. Die JO Klagen in Egypten können zufällig mit dem Auszug der Kinder Israel aus Egypten zusammengetroffen sein, die Bestrafung der Rotte Korahs kann ein Zufall wie das Erdbeben in Messina gewesen fein, wer dies aber miterlebte, wem die Rettung zuteil wurde, wird da Gottes Hand finden, das wunderbare hervorheben und im Gefühl des Dankes so darstellen, daß die Hand Gottes noch sichtbarer wird. Er hat das Wirken Gottes, das wunder, innerlich erfaßt, ihm. ist es kein Zufall, sondern Fügung Gottes, was er uns davon erzählen kann, sind die Begleiterscheinungen des Wunders, äußere Tatsachen, Verkettungen von Ursache und Wirkung, die ohne die innere Erfahrung nur als zufällige erscheinen. Wenig einleuchtend aber ist es, die Geschichte des Volkes Israel eine Kette von Zufälligkeiten zu nennen. Ist es auch nur möglich, daß Entstehen und Erhaltung dieses schwachen völkleins, das stets inmitten von Fremden lebte und lebt, nur einer unendlichen Kette von Zufällen zu verdanken sei? Dieses völklein hatte eine einzigartige Geschichte, es hat vielleicht schon zur Nomadenzeit die reinste Gottesidee entwickelt und die reinsten Moralbegriffe erhalten, es kehrte aus dem Exil zurück und kam zu einem zweiten Staatsleben, es lebt seit fast 2 Jahrtausenden zerstreut ohne eigenes Land, ohne eigene Sprache, in den elendesten, niederdrückendsten, entnervenden Verhältnissen und bleibt immer ein hochkultiviertes Volk, das Kunst und Wissenschaft im höchsten Sinne des Wortes pflegt. Es stand vielleicht nicht immer an der Spitze der Kultur aber nie in Hinterer Linie, es wurde immer besiegt und blieb doch immer Sieger. Das ist wohl ein Wunder, Fügung einer Macht, die über allen Naturgesetzen steht. Israel ist wohl das einzige Volk, das seine Geschichte mit den Worten beginnt: „Sklaven waren wir bei unserm Entstehen," weil es hinzufügen kann: „G o t t hat uns aus der Sklaverei geführt." Das ist gleichsam die innere Erfahrung des Volkes. Die einzelnen äußeren Ereignisse der Geschichte Israels werden nun erzählt. Ich merke wieder an, daß äußere Ereignisse nach dem Grade ihrer Wahrscheinlichkeit geglaubt werden. Diese einzelnen Ereignisse sind aber nicht das Wunder, das Wunder ist die innere Erfahrung vom Bestände des Volkes, und die innere Erfahrung kann ja gar nicht geschildert werden, geschildert können nur die äußeren Ereignisse werden. Bei der Schilderung äußerer Ereignisse kommt noch etwas in Betracht. Der Historiker Ranke erzählt, daß er einmal in Holland einen Volksauflauf wahrnahm. Er fragte mehrere nach der Ursache des Auflaufes, und jeder erzählte sie anders. Diese Verschiedenheit der Schilderung, meinte er, tritt schon hervor, wenn die Erzähler Augenzeugen des Ereignisses sind, weil jeder es anders auffaßt. Wie soll man nun eine genaue Schilderung des Ereignisses haben, das vor Hunderten und tausenden Jahren stattfand und deren erste Schilderung von Mund zu Mund ging? So verhält es sich aber auch mit der Schilderung der äußeren Ereignisse in der Geschichte Israels, wir erfahren, daß das Volk aus Egypten über das Meer und über den Jordan gezogen ist, Palästina erobert