Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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37 Nr. Stern: Nrber den Glauben an Wunder Entbehrungen <rus rein religiösen Gründen auferlegt. Der Einfluß der Religion, den sie auf fast alle Menschen ausübt, vielleicht auf alle, wäre unbegreiflich, wenn wir nicht die Entstehung der Religion als wunder betrachten. Mit rationalistischen Erklärungen kommen wir da nicht weit, daß wir z. B. Erziehung ins Treffen führten, denn es bliebe die Frage, wer die ersten religiösen Menschen erzogen hat. Die Frage wäre nicht beantwortet, sondern zurückgeschoben. Betrachten wir also wenigstens die Gruppen der wunder einzeln; zunächst also jene, durch die der Wille und die Gesetze Gottes offenbart wurden. „Gott sprach", „Gott befahl", heißt es in der Bibel. Der, zu dem Gott sprach, hat ein Wunder erlebt, das er nur als innere Erfahrung erfassen konnte. Die innere Erfahrung ist aber etwas so sicheres, wie jedes Gefühl, von dem man bewegt wird, Haß und Liebe, Mitleid und Rachegefühl sind auch nur innere Erscheinungen und nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, aber man ist von diesen Erfahrungen überzeugter, als von den äußeren. Der, zu dem Gott auf wunderbare Weise gesprochen hat, sollte nun dies verkünden. Die innere Erfahrung selbst konnte er nicht schildern, wie man ja auch keine Gefühle und keine Empfindungen schildern kann. Er hilft sich, indem er die Schilderung vom Sprechen Gottes in Form einer äußern Erfahrung darzustellen versucht, als gewöhnliches Sprechen, als hätte er eine Stimme gehört. So ist es bei allen prophetischen Reden der Fall. Ja, hat aber der Prophet wirklich die innere Erfahrung erlebt? Dafür ist nur seine Glaubwürdigkeit Bürge, auf die wir noch zurückkommen werden. Die Offenbarung am Sinai, war eine Mitteilung Gottes auf wunderbare weise an ein ganzes Volk. Das Volk hatte die innere Erfahrung, eine göttliche Mitteilung erhalten zu haben. Das Ereignis, durch das sie es erhielten, wurde mit Erscheinungen äußerer Erfahrung geschildert, die gar nicht mehr zum Wunder gehören und nur Schilderungen eines nicht zu schildernden Ereignisses sind. So entsteht nun folgendes: Die Stimme war Donner, der Berg zitterte und war in Rauch gehüllt, Flammen durchzuckten den Rauch. Das sind aber Erscheinungen, die nicht zum Wunder, zum inneren Erlebnis gehören, sondern zur Wundererzählung : denn wenn wir das innere Erlebnis abziehen, so bleiben nur merkwürdige, aber nicht wunderbare äußere Erscheinungen zurück, an die der Maßstab der Wahrscheinlichkeit gelegt werden muß, während der Maßstab für die Wahrheit der inneren Erfahrung eines Andern des Erzählers Glaubwürdigkeit ist. was die Propheten lehrten, ist für uns höhere Wahrheit, weil unser inneres Bewußtsein dem zustimmt. Da sie aber nicht Alltägliches und Gewöhnliches, sondern etwas ganz Neues verkündeten, eine neue Weltanschauung und eine neue Lebensführung oder wie Nietzsche es nennt, eine gänzliche Umwertung der bisherigen werte, so konnte ihnen dies nur eine höhere Macht, — Gott — offenbaren, wer aber sagt, daß jedes Genie, nicht nur der Prophet, Neues offenbart, dem antworten wir: das Genie ist eben auch ein Wunder und die Propheten sind die religiösen Genies. In die zweite Masse der Wunder reihe ich jene ein, die göttliche Belohnung, Bestrafung und Rettung bewirkten. Um di/.-se begreiflich zu machen, muß ein neuer Begriff eingeführt werden. Der Mathematiker tut Aehnliches. wenn er eine Größe vor sich hat, die er vernunftgemäß nicht ableiten und mit der er nicht operieren kann, setzt er einstweilen dafür eine Größe, die zu seinen Berechnungen geeigneter ist. Hat er die Rechnung vollendet, setzt er dann wieder statt der einstweilen verwendeten Größe die alte ein.