Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Dr. Stern: Nrber den Glauben an Wunder 2. Wunder sind nur als innere Erfahrung zu erfassen, weil sie jenseits von Ursache und Wirkung stehen. 3. Wunder können von Menschen nicht willkürlich hervorgebracht werden, weil menschliche Handlungen den Naturgesetzen unterworfen sind. Sie finden aus dieser Ursache auch nicht regelmäßig statt. Der äußere Verlauf eines Wunders, d. h. das, was uns davon auf irgend eine sinnlich wahrnehmbare Weise mitgeteilt wird,, ist ein Ereignis innerhalb der Welt der äußern Erfahrung. II. Die biblischen Wunder. In der Bibel werden viele wunder erzählt, aber nicht alle haben denselben Zweck, wir finden in der Bibel wunder, die den Zweck haben, göttliche Vorschriften zu offenbaren, wie die Offenbarung am Sinai, das Sprechen Gottes zu den Patriarchen, zu Moses und den Propheten, wir finden, daß Belohnung, Bestrafung und Rettung durch wunder erfolgt, wie die s0 Klagen in Egypten, der Zug durch das rote Meer, das Mannawunder, der Untergang der Rotte Uprahs, die Rettung Jerusalems bei der Belagerung durch Assyrien und viele andere. Wunder, die Gott seine Gesandten vollführen läßt, um ihre göttliche Sendung zu beweisen, z. B. das wunder des zur Schlange verwandelten Stabes, die wunder der Propheten Elijahu, Llisa und Jesaia und anderes, wir haben endlich wunder, die beweisen sollen, daß Lieblinge Gottes unter besonderem göttlichen Schutze stehen, wie z. B. die wunder im Buche Daniel, die Deutung des Traumes Belsazars, die 3 Jünglinge im Feuerofen, Daniel in der Löwengrube. Durch den verschiedenen Zweck, sind die wunder so verschiedenartig, daß man sie nicht gleichartig behandeln kann. Eine gleichartige Behandlung führt entweder zu einer allgemeinen Verurteilung und bedingungslosen Verwerfung aller wunder, was darum verfehlt wäre, weil wir ja die oben angeführten zwei wunder nicht leugnen können, oder die gleichartige Behandlung führt zum bedingungslosen Glauben an cckle möglichen wunder, auch zum Glauben an die abgeschnittene Mondessichel und zum Glauben an Geistererscheinungen, von denen Voltaire sagte, er werde sie erst dann glauben, wenn sie am selben Tage vor versammelter Akademie der Wissenschaften in dem von einer Armee bewachten Gebäude der Akademie vor sich gehen werden. Meiner Ansicht nach hätten Voltaire und wir alle auch dann die Geistererscheinung nicht geglaubt, wir wären bestrebt, die Ursachen der Erscheinung zu finden. Es gibt noch zwei Wege sich mit den Wundern im allgemeinen zurechtzufinden, sie entweder zu allegocksieren und als poetische Verkleidung sittlicher Wahrheiten zu behandeln, sie wären dann ein pädagogisches Mittel, eine Wahrheit eindringlicher zu lehren; der andere weg ist es die Wunder zu rationalisieren, d. h. auf vernunftgemäßem Wege zu erklären. Bei dem einen oder anderen Wunder mag die allegorisierende oder die vernunftgemäße Erklärung die richtigste Methode sein, dazu kommt noch, daß die vernunftgemäße Erklärung für unser Denken die bequemste, auch die Nächstliegende ist, oder wie Rant es nennt, weil es eine Rategorie unseres Geistes ist, jede Erscheinung erklären zu wollen, d. h. jede Erscheinung auf bekannte Ursachen zurückzuführen. Zn der Religion kommt man aber damit nicht aus, denn die größte religiöse Erscheinung bliebe unerklärt, die Macht der Religion selbst. Wie kommt es nämlich, daß nichts auf Erden so mächtig ist, wie die Religion, daß auch Menschen, die zu den vernünftigsten gehören, ihr ganzes Leben religiösen Gesetzen gemäß einrichten, wir müssen nur bedenken, daß man sich die größten Rasteiungen und