Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Stern: Neker Lrn Glauben an Münder 35 die süße Lyrik seines oder Napoleons Feldherrngeist?3) Die Liebe und das Gewissen schließe ich von den Wundern aus, obwohl sie beide unsere größte Bewunderung verdienen?) Beide sind regelmäßige Erscheinungen und darum dem Gesetze von Ursache und Wirkung unterworfen. Die Elternliebe hat man übrigens physiologisch zu erklären gesucht. Auch die Tatsache, daß der wollende zugleich der Erkennende ist, was Schopenhauer im Zusammenhangs mit seiner Philosophie das Wunder kat exochen nennt, schließe ich aus der oben angeführten Ursache aus. Immerhin sind die Weltschöpfung und das Genie Ereignisse, die jenseits jeder äußeren Erfahrung liegen und von einer über dem Naturgesetze stehenden Ulacht hervorgebracht wurden, also Wunder. Ulan kann ihr Entstehen auch nicht sinnlich, sondern nur als innere Erfahrung erfassen. Die innere Erfahrung ist untrüglich und sichererer Besitz des Bewußtseins als die Sinneswahrnehmungen, denn die Sinne täuschen. wenn ich die Empfindung habe, daß ich etwas groß oder klein sehe, ist jedenfalls die Empfindung wahr, ich habe nur nicht gleich die Sicherheit, daß die äußere Erscheinung meiner Empfindung entspricht?) Die äußere Wahrnehmung kann täuschen, die innere Erfahrung nicht. Das Erleben eines Wunders ist eine solche innere Erfahrung. 2) Selbst wenn das Genie nichts weiter als die Folge einer eigenartigen Bewegung der Gehirnmoleküle wäre, bliebe das Wunder kein geringeres, geradeso, wie es als Wunder bezeichnet werden muß, daß in der Urzelle die Fähigkeit lag, sich bis zum genialen Menschen entwickeln zu können. Das Gewissen ist nichts anderes als das Schamgefühl, wie ich dies in meinem Werke: „Der Kamps des Rabbiners gegen den Talmud im XVII. Jahrhundert* (Seite 17) ausgesührt habe. *) Die Empfindung von Schmerz und Freude oder eines anderen Gefühls ist sicherlich keine Täuschung, da sie immer Erfahrungen find. Es sei aber sofort hinzugefügt, daß die innere Erfahrung des Wunders, die man nur selbst erleben kann, etwas anderes ist, als die Tatsache, mit der das äußere Wunder in Erscheinung tritt, und die allein man mitteilen kann. Damit hängt es zusammen, daß wenige Wunder geglaubt werden und geglaubt werden können. David Hume, der große Skeptiker, wirft die Frage auf, warum wir Wunder nicht glauben; auch nicht, wenn z. B. die ehrenwertesten und scharfsinnigsten Männer in England und der ganze englische Ministerrat bezeugten, daß die Königin Elisabeth aus ihrem Grabe auferftanden sei, sich auf den Thron gesetzt und gesprochen habe. Hume erklärt dies damit, daß wir es den logischen Gesetzen .der Wahrscheinlichkeit gemäß für wahrscheinlicher halten müßten, daß alle diese ehrenwerten Männer lügen oder sich getäuscht haben, als daß Elisabeth aus dem Grabe auferstanden sein könnte. Diese Erklärung Lsume's sagt uns, daß Tatsachen, die der Erfahrung widersprechen, unglaubhaft sind, denn sie stehen nicht über und jenseits der Erfahrung, nicht über den Naturgesetzen, sondern im Widerspruch zu ihnen. Oder, ein anderes Beispiel: Die Türken glauben, Mohammed habe als Beweis, daß er im Himmel war, die Mondessichel abgeschnjtten und auf die Erde gebracht, bekanntlich haben die Türken die Mondessichel als Symbol der Herrschaft und des Glücks. Dieses Wunder widerspricht aber den Naturgesetzen schon darum, weil das Abschneiden der Mondessichel das Weltall in Unordnung brächte. Auf diesem langen Wege gelangen wir nun zu den biblischen Wundern. Auf deyr schier uferlosen Meere des Wunderglaubens haben wir einige feste Punkte gewonnen, die ich hervorheben will. Wunder, die Gesetzen von Ursache und Wirkung nicht widersprechen, sind möglich ttnfc finden tatsächlich statt.