Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Dv. Ktern: Neber den Glauben an Munden vorkommende Heilwirkung eines Nervenkranken durch Besprechen, solange man vom Wesen der Suggestion keine Ahnung hatte, für ein Wunder. Die Vererbung der Eigenschaften von Vater und Mutter auf die Rinder ist noch heute ein Rätsel, das der Lösung harrt, aber niemand spricht hierbei von Wunder, da die Vererbung eine regelmäßige Erscheinung ist, die innerhalb des Naturmechanismus verläuft. Reine regelmäßige oder oft wiederkehrende Erscheinung ist ein Wunder, eine solche folgt einem Gesetz und steht nicht über dem Gesetz. Man kann aber nicht leugnen, daß bei manchen Ereignissen nicht von Gesetzen, denen sie folgen, gesprochen werden kann. Vor allem die ganze Welt selbst mit allen ihren Naturgesetzen. Die Entstehung der Welt folgte sicherlich keinem Gesetze, da ein solches noch nicht da war?) Die Entstehung der Welt ist demgemäß ein Wunder und wir empfinden sie nur nicht als Wunder, weil wir in der Welt seit unserer Geburt leben, wie der Müller nicht das Rlapxern der Mühle hört. Wer aber darüber nachdenkt, dem erscheint das Wunder so groß, daß er zum Glauben an die Allmacht gelangt. Ein zweites Wunder ist das Genie (zum Unterschiede von Talent), das Genie auf Jedem Gebiet, wobei wir nicht vergessen dürfen, daß die allermeisten Rünstler, Dichter, Maler, Romponisten, Architekten und Bildhauer nur Talente sind, die mehr oder minder geschickt nachmachen, was das Genie vorgemacht hat. Im besten Falle sind sie virtuosen ihrer Runst, das Genie ist anderer Art. Denken wir an ein Dichtergenie. Dieser Dichter ist ein Mensch mit denselben Sinnen und Organen wie jeder andere Mensch und doch sieht er, fühlt er in mancher Beziehung anders wie andere Menschen, so daß er mit anderen Menschen nicht zu vergleichen ist. Man bemüht sich i) Die Streitfrage über Ewigkeit oder zeitlichen Beginn der Welt bleibe hier als irrelevant außer Betracht. den genialen Dichter aus dem Milieu, aus dem er herausgewachsen ist, aus den Prämissen zu erklären und meint, daß er nur klüger und verständiger als seine MitdichLer wäre. Aber Millionen Menschen lebten in derselben Umgebung, Hunderttausende waren dabei klüger als er, Tausende dichteten gleichzeitig mit ihm und keiner gleicht ihm. Dieser große Dichter ist ein Wunder, und was er uns mitteilt, ist eine Offenbarung, die er auf wunderbare Weise empfangen hat. Diese Offenbarung bringt uns neue Gedanken, neue Anschauungen, zu denen wir ohne dieses Wunder nicht gekommen wären. Als Beispiel führe ich Ibsens Nora an, die viele Frauen in ihren Anschauungen mächtig beeinflußt hat, wobei ich außer Frage lassen will, ob diese Anschauung auch für viele Frauen brauchbar ist. Manche könnten den Einwand erheben, daß ftian zu allen Gedanken auch ohne führendes Genie durch tiefes, ausdauerndes Nachdenken kommen könnte. Ich leugne es und meine, auch der gewaltig große Denker ist ein Genie, ein Mensch ganz besonderer Art. Doch nehmen wir den Maler, um die einzigartige Wirkung des Genies zu erkennen. Der Maler malt einen Frühlings- oder Herbsttag, oder eine Gegend wie er diese sieht. Wir werden von seiner Offenbarung, die er uns im Gemälde mitteilt, so beeinflußt, daß wir von nun an Frühlings- und Herbsttage und die Gegend so sehen, wie er es gelehrt hat und es scheint, als hätte er uns den Star gestochen. Ebenso verhält es sich mit dem Genie in der Musik, das uns neue nur ihm offenbarte Harmonien, neue Rombinationen von Tönen mitteilt. Rann Beethovens Genie durch das Gesetz von Ursache und Wirkung oder Michel Angelos Moses oder Rembrandts Nachtwache durch den Naturmechanismus erklärt werden? Hat im Naturmechanismus die ruhige Schönheit von Goethes Ixhigenia einen Platz oder die Tiefe der Schmerzensausbrüche Lears oder