Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 33 Ar. Ktern: Uedrr den Glauben an Münder ist, das Wunder tritt jedoch aus diesem Zusammenhang! heraus, es ist eine neue Schöpfung. Das Wunder unterscheidet sich vom Zufall dadurch, daß das, was wir Zufall nennen, nur ein unerwartetes natürliches Ereignis ist. Endlich unterscheidet sich das Wunder von einem natürlichen Geschehen, dessen Gesetze heute nicht bekannt sind, aber mit der Zeit und dem Fortschritt der Wissenschaft bekannt werden könnten. Niemand wird die Wirkungen des Radiums ein Wjunder nennen, obwohl wir die Gesetze seiner Wirksamkeit noch nicht kennen. weil das Wunder nicht den Naturgesetzen entspricht, kann es von Menschen nicht willkürlich hervorgebracht werden, denn des Menschen Tun ist dem Gesetze von Ursache und Wirkung unterworfen. Nur eine Macht, die über dem Naturgesetze steht, vermag Wunder zu wirken. Der Glaube an Wunder beginnt also dort, wo der Mensch mit seiner Kraft zu Ende ist; und nur dort, wo er sich vom Naturmechanismus geknechtet und gefesselt sieht, will er mit einer Macht in Verbindung treten, die für ihn die Naturgesetze aufhebt, die für ihn ein Wunder wirkt, um seiner Not abzuhelfen, z. B. die unheilbare Krankheit zu heilen, seine Fesseln zu lösen, die Gefahr zu vernichten. Darum finden wir, daß jede Religion das Wunder als Tatsache aufgenommen hat, da ja die Religion die Verbindung mit dieser übernatürlichen Macht herstellt. Noch mehr, die Religion lehrt eben nicht das Gewöhnliche und alltäglich zu Erfahrende, dazu bedarfs keiner Religion, nur der Wissenschaft; die Religion will das Ungewöhnliche, das was jenseits der Erfahrung liegt und außerhalb des Naturmechanismus entstanden ist, verkünden. Dies kann aber nur auf außergewöhnliche, übernatürliche weise den Menschen zu Bewußtsein gebracht werden, auf einem Wege, der über den Naturgesetzen steht, durch ein Wunder. So nimmt die Religion nicht nur das Wunder auf, für den Gläubigen gehört es zur Grundlage der Religion. Wie könnte sich auch ein Gott den Menschen anders offenbaren, als auf wunderbare weise, wie seinen Willen anders kund tun, als auf übernatürlichem Wege, da er doch nicht spricht, nicht handelt, nicht in die Erscheinung tritt wie ein irdisches Wesen, wir können ihn nicht durch die Sinne erfassen, durch sie erfahren wir nur Natürliches, nicht mit dem verstände, damit begreifen wir nur Ursache und Wirkung — die Naturgesetze. Früher unterschied man verstand und Vernunft und stellte die Vernunft als das Reich der Ideen, gleichsam der übersinnlichen Dinge dar. Die Vernunft besäße der Mensch allein zum Unterschiede vom Verstand, den auch das Tier besitzt. Heute wissen wir, daß Vernunft nur graduell vom verstände verschieden ist, die freilich so viel höher steht, als. der Mensch sich über das Tier erhebt. wie soll aber das Wunder erfahren werden, wenn Sinne und Vernunft nicht dazu, hinreichen? Gibt es denn überhaupt Wunder, oder gehören fie nur der Phantasie an wie das Wesen der Mythen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst Umschau halten, ob wir selbst Wunder erfahren haben. Ist dies der Fall, werden wir entscheiden können, ob es Wunder gibt und auf welchem Wege man sie erfährt, wir dürfen dabei nicht alles, was man für ein Wunder hält, ohne zwingende Gründe für ein Wunder erklären. Als die Indianer Kolumbus und seine Schar Schüsse abfeuern sahen, hielten sie dies für ein Wunder und die Spanier für göttliche Wesen, hätten die Indianer physikalisches Wissen oder nur Erfahrung besessen, wären sie zu solcher Meinung nicht gekommen, vor Bekanntschaft der Lhemie hielt man das Entstehen eines Baumes aus dem Samen für ein Wunder, die zuweilen