Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126516--0750-3127539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
32 Ar. Stern: Uebrr den Glauben an Wunder o 2 * fügen muß. An seine eigentliche Aufgabe aber hat Joseph nicht gedacht, nach einer von ihm in einer Polemik gemachten Bemerkung vermute ich sogar stark, daß er sie überhaupt noch nicht begriffen hat. Er muß nämlich Nachweisen, daß irgendwo und irgendwann im Judentum das Nationale Selbstzweck war, daß es — losgelöst von der Religion — auch nur denkbar ist. Ich habe alle von ihm angeführten Stellen der heiligen Schrift nachgeprüft und finde keine, die solches erweist. Joseph nennt Jehuda Salevi und Grätz national, aber dasselbe, was jene taten, daß sie nämlich in engster Verbindung mit der Religion die nationalen Einschübe hervorheben, tun doch die liberalsten Antizionisten häufig auch! In diesem Sinne könnte man von nationaler Seite selbst auf Abraham Geiger Beschlag legen, vor mir liegt seine Geschichte des Judentums, die voll von Stolz auf historische Begebnisse ist; er hat ein Gebetbuch herausgegeben, das in hebräischer Sprache — nach Josephs Deduktionen auch eine nationale Institution — geschrieben ist. In diesem Gebetbuch — natürlich in der deutschen Uebersetzung — wimmelt es von den verdächtigsten „nationalen" Aussprüchen. Zwischen dem „nationalen" Jesaja, dem „nationalen" Jehuda Salevi dem „nationalen" Grätz auf der einen Seite und Rkax Nordau, sowie den äü miuores des modernen Nationalismus auf der anderen besteht nur die ganz „geringfügige" Differenz, daß jene in jeder Faser ihres innersten Wesens tiefreligiöse Persönlichkeiten waren, während man dies von den anderen kaunr behaupten kann. Falls einer von jenen über Gott. und die Welt und die bestehende Ethik Ansichten gehabt hätte, wie Nordau sie in seinen „konventionellen Lügen der Rulturmenschheit" niedergelegt hat, so würde er sich wohl höchst wahrscheinlich mit Anschauungen über das Judentum kaum in die Geffentlichkeit gewagt haben. Dies ist jedoch keine Ausnahmeerscheinnng, denn es hat — um ein schlagendes Beispiel herauszuziehen — das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation, die offizielle Vertretung also, in einer Vorbemerkung zur Gesamtausgabe von Nordau's „Zionistischen Schriften" diesen seinen Führer, dessen Idealismus und Ehrenhaftigkeit, dessen Begabung und journalistische Bedeutung selbstverständlich gern anerkannt werden, mit — dem Propheten Jeremia verglichen!! Ein Jehuda Salevy und jene anderen „Nationaljuden" des Rlittelalters hätten dies sicherlich genau so als eine peinlich wirkende Geschmacklosigkeit empfunden, wie wir religiösen Juden von heute es tun. wir wenden uns nunmehr den Anschauungen zu, die in zionistischen Kreisen über das Verhältnis von Religion und Nation anzutreffen sind. (Fortsetzung folgt.) Ueber den Olauben an Vvunäer. Vortrag, gehalten in äer 6enera!verlamm!ung äes Kabbinerverbanäe5 in Lalnnen am 13.?ebruar 1910. Von Vrok. Vr. Simon Stern, Rabbiner in Saar. k. Ueber den Glauben an Wunder im allgemeinen, nter Wunder verstehen wir ein Ereignis, das mit den Gesetzen natürlichen Geschehens nicht zu erklären ist, noch jemals erklärt werden könnte und darum auch nicht in den kausalen Zusammenhang der natürlichen Ereignisse aufgenommen werden darf. Der kausale Zusammenhang besteht darin, daß jedes Geschehen eine Wirkung früheren Geschehens