Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Nr. Gsldrnann: Zionismus oder Liberalismus? 31 ganda machen, an der Spitze einer Bewegung stehen, die sich jüdisch nennt. Der Mann, der — wie es heute bei Zionisten vorkommt — aus Nationalismus sich für die Grthodoxie begeisterte, vielleicht gar aus Nationalismus Tefillin anlegte und die Speisegesetze hielte, würde im Mittelalter als ein Unsinniger, wenn nicht gar als ein Verspotter der Religion betrachtet worden sein. Sm Mittelalter, der ,,nationalen" Periode wäre es nicht zu verstehen gewesen, wie ein öffentlich Abtrünniger noch Sude bleiben könne. Wer die Religion verließ, war kein Sude mehr! Der gefährliche Sport von heute, den Süden christlichen Glaubens als Süden zu reklamieren, war völlig unbekannt. Man hätte kein Verständnis dafür gehabt, daß der „Nationaljude" Heine trotz seiner Charakterlosigkeit verherrlicht, daß dieser Sude (so macht es wenigstens durch Behandlung seiner Person irr der Sugendbeilage das Berliner Zionistenblatt) der Sugend anscheinend als leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt wird. Man hätte kein Verständnis für den Märtyrerkranz gehabt, den marr um das Haupt des „christlichen" Süden Herzenstein flicht, keine für viele andere Erscheinungen, die später berührt werden sollen. Daß im Mittelalter Rasse und Nation eine ganz untergeordnete Bedeutung hatten, daß rnan ein sehr guter Sude feilt konnte, ohne dem nationalen Untergrund Bedeutung zuzusprechen, dafür gibt es einen guten Beweis in der Arbeit der Religionsphilosophen, die demgemäß auch von Soseph als eine Verirrung des jüdischen Geistes betrachtet wird. Ein Beispiel! Maimonides, dem man nicht gut vorwerfen kann, er sei ein moderner Assimilationsrabbiner gewesen, hat dreizehn Glaubenslehren aufgestellt, die man heute noch in jedem Gebetbuche finden kann. Sn diesen Sätzen findet sich nun auch nicht eine Spur von nationalen Forderungen. Selbst da, wo man es unbedingt erwarten mußte, selbst im 12. Satze heißt es schlicht, daß wir an das Kommen des Messias glauben; und in seinem weiteren Wortlaut enthält dieser Satz wohl eine kleine Polemik gegen die Messiasidee des Christentums, aber es ist weder davon die Rede, daß der persönliche Messias aus dem Hause Davids fein, noch daß der Tempel auferbaut werden müsse. Vom Lande Suda ist überhaupt keine Rede, was unbedingt der Fall hätte sein müssen, wenn Maimonides die Wichtigkeit dieses Gedankens auch nur annähernd auf eine Stufe mit dev religiösen Messiasidee hätte stellen wollen. , Sobald man diese Stellung des Nationalen als einer nebensächlichen Begleiterscheinung des Religiösen bedenkt, sieht man, wie Soseph in seiner wissenschaftlichen Begründung des Nationalismus eine Sisyphusarbeit leistet, wenn er den Nachweis zu führen versucht, daß die Propheten, die Gebete, die Snstitutionen und das jüdische Leben national durchtränkt seien. Wer bestreitet den nationalen Ursprung so vieler Dinge? Soseph kann zu diesem Nachweis nur kommen, wenn er die Augen verschließt und nicht sehen will, wie die religiöse Arbeit von zwei Sahrtausenden sich konsequent bemüht, jeden nationalen Einschlag in ein religiöses Gut umzuwandeln, und wie sie alles, was sich der religiösen'Verarbeitung widersetzte, einfach ausgeschlossen hat. Er muß den Entwicklungsgedanken aus dem Sudentum eliminieren und sich und uns einzureden versuchen, daß jede Snftitution ihren Ursprungscharakter bis auf diesen Tag bewahrt hat. Er legt den nationalen Einschüben den Charakter des Selbstzwecks bei, den sie nicht haben, und sobald sie diesen verlieren, werden sie eben historische Remijniscenzen. Er übersieht vollständig, daß die Propheten und das Mittelalter keinen anderen Gesichtswinkel kennen, als den des Religiösen, dem alles, alles sich unbedingt