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Liberales Judentum · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 30

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Ar. GsLdumnn: Zionismus oder FibrraLiswus % und des Volkes Not und Elend beklagen. Das ist an sich noch nicht nationalistisch gedacht. Auch Religionsgemeinschaften dürfen klagen, und der Jammer, den Evangelische und Aatholiken über gegenseitige Bedrückung erheben, hat wenig von nationaler Färbung an sich. Es bleiben also als Zeugen für den Nationalismus der Propheten die glühenden Wünsche, daß das Volk in das Land der Väter zurückkehren solle. Dieser Wunsch wäre wohl national, wenn er um seiner selbst willen geäußert würde und nicht einen ganz bestimmten Zweck verfolgte. Denn wozu sollen die Juden zurückkehren? Um eine freie und unabhängige Nation zu bilden? Nur um den Tempel Gottes wieder aufzubauen, nur um Gott zu dienen, nur um der Religion willen! Um zu beweisen, daß die Propheten national im heutigen Sinne gedacht hätten, müßteman irgend eine Stelle in ihren Schriften aufzeigen können, wo sie eine nationale Forderung losgelöst von der religiösen aufstellen. Das ist aber nirgends der Fall. Daß sie umgekehrt viele religiöse Forderungen erheben, die absolut nichts Nationales an sich tragen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Propheten sind durchaus kein Zeugnis für den Nationalismus in Israel, sondern dagegen. Die älteren standen ja noch im Banne der damaligen staatsrechtlichen Anschauungen, und sie hielten den nationalen Rahmen für nützlich und notwendig zur Durchsetzung ihrer religiösen Ideale. Aber daß ihnen und noch mehr den jüngern die Nation nur Hilfsmittel war, das drängte sie in andere Bahnen. Und so haben gerade sie, wie bereits erwähnt, zum ersten Riale in der Weltgeschichte den Gedanken verkündet, daß die Religion die Nation überdauere, daß jene also das bleibende, das wertvolle sei. Damit haben sie die Nation aus chrer gleichberechtigten Stellung verdrängt und aus ihr ein untergeordnetes Mittel zum religiösen Zweck gemacht. Und daß dies, wie bisher allgemein anerkannt wurde, der Propheten wahre Stellung zum Nationalismus ist, wird wissenschaftlich dadurch nicht geändert, daß es von antisemitischen Bibelforschern aller Schattierungen und den Zionisten in schönem Vereine bestritten wird. Genau dasselbe gilt auch von dem Nationalismus des Mittelalters! Nirgends ist er, der ja nach zionistischer Behauptung unsere ganze religiöse und poetische Literatur, unserganzes Gebetbuch durchweht, etwas Selbstständiges, das ohne die Religion auch nur einen Augenblick gedacht werden könnte, wohingegen Religion ohne nationale Färbung überall nachweisbar ist. Im Mittelalter kann man als Jude national denken, man braucht es aber nicht zu tun. Aber religiös muß man sein! Wie man national sein konnte, ohne dabei ein religiöser Jude zu sein, ja wie man Jude sein konnte und — wie viele Durchschnittszionisten von heute — die Religion von sich weisen oder gar verachten und verlachen könne, das wäre dem gesamten Judentum des Mittelalters ein Rätsel geblieben. Rasse, Abstammung und Nation waren nichts, religiöses Bekenntnis und religiöse Betätigung alles. Wer sich 'taufen ließ, zerriß die Bande auf ewig!*) Iehuda Halevi ist gewiß erfüllt von nationalen Hoffnungen und wünschen, wer wollte es leugnen! Aber auch nur eine Zeile von ihm möchte ich lesen, wo er das Ende der Iudennob aus einem anderen Grunde ersehnt, als um seiner Religion willen. Was für ein erstauntes Gesicht würde wohl der „nationale" Iehuda bsalevi machen, wenn er hören könnte, daß Leute, die in Mischehe leben und öffentlich in ihren Schriften für den Atheismus j)ropa- *) Erscheinungen wie das MarannenLum Spaniens beweisen nichts gegen diese Behauptung. Diese Scheinchristen sind im Herzen gläubige, religiöse Juden.

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