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Liberales Judentum · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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Mr. Goldmann: Zionismus oder Fibrralismus? 29 naüonale Gut aus den Tagen des jüdischen Staates ist glatt verschwunden, und nur aus den Schriften des Iosephus ic. wissen wir davon. Ja schon in den ältesten Zeiten ist die Tendenz vorhanden, welche im weiteren Verlaufe der Geschichte immer stärker hervortritt, daß ein fortwährender Umarbeitungsprozeß aus dem Nationalen in das Religiöse stattfindet, und nur diese religiöse Umarbeitung verleiht dem Brauche wert und sichert ihm die Erhaltung. Jede rein naüonale Sitte schwindet, nur die Uebernahme auf die Religion verleiht ihr Ewigkeitscharakter. Ulan kann diese Tatsache an tausenden von Einzelheiten verfolgen, man sieht, daß -sämtliche Sitten in Kleidung, Wohnung und sonstigem Alltagsleben verschwunden sind, und daß sie nur dort, wo die Religion ihnen Schutz verlieh, sich erhalten haben. In der Ukesuso, den Tefillin, den Bräuchen des Sederabends (das Angelehntfrtzen!) stecken sicherlich uralte nationale Gebräuche, die aber dann, aus heute nicht mehr festzustellenden Gründen, religiöse Beziehung erhalten haben, die allein fähig war, sie der Nachwelt zu retten. Unsere Wallfahrtsfeste sind ihrer Entstehungsgeschichte nach alle entschieden mit einem stark nationalen Einschlag versehen. Dieser hat sich jedoch nur sekundär erhalten, während die später auftretende religiöse Bedeutung immer deutlicher und stärker in den Vordergrund tritt, und bestreiten zu wollen — wie unsere Zionisten es tun — daß unsere wallfahrtsfeste 'religiös sind, eine unendliche religiöse Kraft-und Tiefe besitzen, ist geradezu unsinnig. Auch die Gebräuche dieser Feste find naüonalen Ursprungs, das ungesäuerte Brot ist die Nahrung des nomadisierenden Steppenvolkes, die Laubhütte die Wohnung des Bauern in den Bergen zur Zeit der Weinlese, der Feststrauß am Laubhüttenfeste geht auf eine rein landwirtschaftliche Sitte zurück, aber sie alle sind nur darum vorhanden, weil sie eine religiöse Bedeutung erhielten. Alle anderen Sitten, denen dieser Vorzug nicht'zu teil wurde, sind aus dem Judentum einfach verschwunden! Dieses Gesetz ist auch heute noch wirksam, wie jeder, der sich mit religionsgeschichtlicher Entwicklung auch nur oberflächlich beschäftigt, genau weiß. Ein Beispiel aus der neueren Zeit! Am Sederabend ist es Brauch, die Tür geöffnet zu lassen. Es ist dies eine Sitte, die aus den Verfolgungen des Mittelalters stammt, wo man ein begründetes Interesse an dem Nachweis hatte, daß beim Seder nichts verbotenes und Schlechtes geschehe. Solcher Lokalsitten, die insofern den rein nationalen ganz analog sind, als sie mit der Religion nichts zu tun hatten, mag es viele gegeben haben. Die anderen sind alle verschwunden, als ihre Grundlage und Veranlassung fortfielen. Nur diese eine hat sich erhalten, weil man ihv durch die Beziehung auf den Propheten Elia und den Messias eine religiöse Bedeutung gab. Ner Propheten und des Mittelalters Stellung zum Nationalismus. So hat sich nationales Gut, seines eigentlichen Kernes und Wesens beraubt, nur als Atrappe für einen religiösen Inhalt bis auf die heuüge Zeit erhalten können. Nationale Sitten in Israel, die keine religiöse Bedeutung haben, giebt es überhaupt nicht. Und das ist wohl zu beachten, wenn man sich der Propheten Stellung zum Nationalismus zuwendet. Mit geradezu rührender Sorgfalt hat man von zionistischer Seite alle Oroxhetenstellen zusammengetragen, die angeblich den Naüonalismus predigen. Als ob wir Nichtzionisten von diesen Aussprüchen nichts wüßten und nicht über sie nachgedacht hätten! Aber was beweisen denn alle diese j)roxhetenworte? Zunächst scheiden einmal alle jene aus, die den Bedränger schelten

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