Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Ar. Gsldmann: Zionismus oder Fiberaiismns? war, häufig geändert, durch Aufnahme neuer Gottheiten erweitert, durch Absetzen gekürzt werden konnte, war es bei den Juden anders. Das ist ja gerade das großartige an der jüdischen Nation, was das Altertum sonst nicht kennt, daß sie eine Religion entwickelt, die sich trotz des Unterganges der Nation erhält. Die babylonische, ägyptische und phönizische Religion sind ohne Spur verschwunden, warum? Weil die Nationen untergegangen sind. Das Wertvolle und Bewunderungswürdige in Israel war aber, daß der Gott des Volkes, der Gott der Welt, auch in der babylonischen verbanmmg verehrt werden konnte, in Aegypten und sonst überall; dieser Gott der Welt ging bei der ersten Zerstörung seines Heiligtums nicht zu Grunde und bei der zweiten erst recht nicht. Der ursprüngliche religiöse Nationalstaat oder nationale Religioirsstaat — diese enge Verknüpfung liegt im Begriff der Nationen des Altertums — wuchs durch den religiösen Genius Israels aus seiner Stellung heraus, und so schuf Israel in der Praxis jenes so richttge und einzig annehmbare Prinzip, das ja nicht einmal der verbohrteste Zionist offen bekämpft, d i e T r e n - nung von Staat und Air che, etwas ganz Neues, an dessen Möglichkeit vorher noch keiner gedacht hatte. Man müßte in diesem Grundsatz einen Rückschritt sehen wollen — und manche Leute bringen ihren nationalistischen Dogmen zu Liebe auch dieses Mpfer des Intellekts —, wenn man den religiösen Genius Israels als dessen hervorragendste Eigenschaft bestreiten wollte. Für jeden Renner der Geschichte, für jeden, der sie nicht seinen nationalen Idealen zu Liebe vergewaltigt und verdreht, dürfte das Ergebnis feststehend sein, daß die eigentümliche Begabung und Bedeutung Israels in seiner religiösen Veranlagung zu finden ist. Wenn auch die Religion aus einer Nation erwachsen ist, hat dennoch der Mangel an politischer und staatsmännischer Fähigkeit, der sich in kleinlicher, uneiniger, falscher Politik äußerlich bemerklich macht, diese Natton aus sich heraus zu Grunde gerichtet. Der religiösen Begabung gemäß blieb die Religion als Retterin der Gemeinschaft, und hätte Israel feine Religion nicht gehabt, so würde man heute genau so wenig von ihm wissen, wie von Moab oder Edom. Israel wäre für die Rulturmenschheit ein bloßer Name! Aas wahre Verhältnis des Nationalen zum Religiösen. Seit der Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels war Israel eine Religionsgemeinschaft und irgend ein Fall, daß es nationale, vom Religiösen losgelöste Ehrgeizanfälle gehabt hätte, ist bis zunr Erwachen des heutigen Zionismus nicht bekannt. Selbst der Aufstand Bar - Rochba's, der noch am meisten das Gepräge einer rein nationalen Erhebung an sich trägt, ist ohne den religiösen Hauptzweck und ohne die Anerkennung des Melden als Messias seitens des Rabbi Akiba einfach undenkbar. Diese Tatsache nun, daß seit der Zerstörung des Tempels das einzige einigende Band die Religion ist, schließt durchaus nicht aus, daß die ursprünglichen, nationalen Gebräuche und Sitten in tausenden von Einzelheiten in dieser Religion noch nachklingen. Auch eine Religion hat ihre Geschichte, und wo das Bewußtsein der Geschichte lebendig bleibt, giebt es Traditton, die sich natürlicherweise an das einmal gegebene anknüxft. Ganz charakteristisch aber ist dabei die Beobachtung, daß nur solche nationale Sitten sich erhalten haben, welche sich der Religion unterordnen und eine religiöse Bedeutung besitzen. Alles anoere