Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 27 Ar. Goldmann: Zionismus oder Liberalismus d 2ioni5mu5 oäer Liberalismus - Von Dr. felix öoldmann-Oppeln. Air religiöse Begabung des Judentums. ährend eine spezifische Eignung für nationales Leben nie und nimmer im Judentum nachweisbar ist, steht es mit der für die Religion ganz anders. Man faßt sich allerdings an den Kopf und fragt sich, wie es nur kommen kann, daß man überhaupt gezwungen ist, diesen selbstverständlichen Satz noch auseinanderzusetzen. Nur einige Proben sollen erweisen, daß die geniale Begabung für die Religion die hervorstechende, einzige Individualität unserer Genreinschaft ausmacht. In Israel entstand der ethische Monotheismus, der Glaube an einen gütigen und gerechten Gott, der Herr der ganzen Welt ist. Israel brachte die lehren jener Sittlichkeit hervor, die als Sittlichkeit par excellence anerkannt ist, Israel schuf auf religiöser Grundlage im Rahmen der religiösen Anschauungsweise eine soziale Gesetzgebung, zu deren vollen Höhe die anderen Kulturvölker sich erst heute aufzuschwingen beginnen. Ich wüßte keinen irgendwie wertvollen ethischen oder religiösen Begriff, der nicht auf die religiöse Arbeit der alten Juden zurückginge. Israel hat die Propheten hervorgebracht, die ernsten und gewissenhaften Verkünder des Gottesglaubens und der religiösen lehren. Die Bedeutung der Religionsphilosophie des Mittelalters für die religiöse Entwicklung kann nur leugnen, wer — wie Dr. Joseph — die Geschichte nach seinem feststehenden Schema modelt; die talmudische Epoche bietet — mag auch dem Gesetze der Entwicklung zufolge die heutige Zeit über Methode und Stoff religiöser Arbeit andere Vorstellungen haben — eine geradezu bewunderungswürdige religiöse Arbeit dar, die selbst das sprödeste Material, Alltagsgebräuche, Landwirtschaft, Zivil- und Strafrecht und vieles ütbeismus oäer Religion? (Fortsetzung.) andere unter dem Gesichtswinkel der Religion betrachtet und in ihren Rahmen zwängt. Vieles von diesem Gute ist entstanden, als Israel noch eine Pseudonation war, aber es ist nicht ersichtlich, was sich eigentlich geändert hat, als sie nicht mehr da war. Sie galt unseren Propheten gewiß viel, sie war aber für sie, wie weiter ausgeführt werden wird, nie mehr als ein Mittel zum Zweck. Alle Propheten fast betrachten den Untergang der bestehenden jüdischen Nation, des politischen Gebildes mit seinen Fehlern und Lastern, als Vorbedingung für die religiöse Gesundung, und das Idealbild, das sie sich von der Nation der Zukunft machen, ist das eines Gottesstaates, in dem der König der Abgesandte Gottes ist, eines Gottesstaates, der alles andere ist, als ein Staat im Sinne damaliger politischer Gebilde, ganz zu schweigen von heutigen Anschauungen. Die Nation bedeutet sicherlich viel für die Religion, indem die durch sie hervorgerufendn schlimmen Erscheinungen den Propheten den Anstoß zu ihrem Auftrete,t geben. Das großartigste, was israelitische Propheten je gedacht und gesagt haben, ist in Zeiten nationalen Verfalls entstanden und damit indirekt ans dem nationalen Bewußtsein hervorgegangen. Nur sollte man sich hüten, sich mit dieser Tatsache zu brüsten, denn der P r o p h e t i s m u s ist nur insofern ohne Nation unmöglich, wie das Rechtohnedasverbrechen undenkbar ist! Daß im Altertum eine Nation als Träger der Religion vorhanden sein mußte, erklärt sich sehr einfach aus den damaligen staatsrechtlichen Anschauungen, die nur Staatsreligionen kennen und Staatsangehörigkeit und Religionsangehörigkeit identifizieren. Aber wenn in anderen Staatsgebilden die Religion sachlich nebensächlich