Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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LI K«ch erschau Der Begriff Entwicklung hat für das Judentum von heute eine zweifache Bedeutung von großer Tragweite, eine wissenschaftliche für die Vergangenheit« und eine praktische für Gegenwart und Zukunft, wissenschaftlich wichtig ist es, ob das Gesetz der Entwicklung bereits in der Vergangenheit wirksam gewesen sei, praktisch wichtig ist, ob es im und am Judentums in Gegenwart und Zukunft Anwendung finden dürfe. Und die praktische Frage hängt hier innigst mit der wissenschaftlichen zusammen. Im Begriff Entwicklung liegt ja nicht nur ein werden, sondern auch ein Geworden-sein. Jede Weiterentwicklung ist stets nur das mehr oder weniger erzwungene Produkt ihrer Zeit, was aber die eine Zeit zum Zwecke ihrer Weiterentwicklung erzeugt, das müßte die andere, wo es sich wieder um ihre Weiterbildung handelt, wieder aufheben oder durch Geeigneteres ersetzen können. Ist nun alles das, was uns aus der Vergangenheit des Iudentumes überliefert ist, selbst wieder nur Entwicklungsprodukt oder nicht? wird diese Frage bejaht, dann wird damit dem aus der Vergangenheit Ueberlieferten nur noch so viel Recht in der Gegenwart eingeräumt, als die Entwicklungszwecke der Gegenwart geeignet erscheinen lassen, wird sie verneint, dann steht die Vergangenheit als ewig unwandelbare Autorität da, neben welcher oder gar gegen welche die jeweilige Gegenwart irgend ein Recht der Selbständigkeit zum Zwecke ihrer Weiterentwicklung weder beanspruchen kann, noch darf. Diese nun für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Iudentumes so eminent wichtige Frage hat Hirsch, wie heute die Partei der Gesetzestreuen, kategorisch in allen Teilen verneint, die Mittelpartei hat sie in ihrem wissenschaftlichen Teile bejaht, in ihrem praktischen verneint, Geiger hingegen hat sie, wie heute die Partei des liberalen Iudentumes, in allen Teilen bejaht u. z. an Hand eines schier unübersehbaren wissenschaftlichen Beweisapparates, der zum guten Teile auf Geigers eigenen Forschungsresultaten sich stützt und der, wenn auch in Manchen einzelnen Punkten indessen widerlegt, im wesentlichen Gemeingut der Wissenschaft des Iudentumes geworden und seither stetig ausgebaut worden ist. Nebst einer ein sehr zutreffendes Gesamtbild. bietenden Einleitung von Hermann Vogelstein haben sich 7 weitere gründliche Renner Geiger'schen Schrifttumes in die Darstellung dieser von einem einheitlichen Grundgedanken durchzogenen wissenschaftlichen Arbeit Abraham Geigers geteilt. Und nun ist es sehr bezeichnend, daß fast alle sieben Darsteller der auf systematische und praktische Theologie, Geschichte und Sprachwissenschaft sich verteilenden Einzelfächer, obwohl sie vollständig unabhängig und getrennt von einander arbeiteten, dennoch jeder eine seine Abhandlung mit der Feststellung beginnt, daß Geiger gerade in diesem Zweige sein Bestes geleistet habe und als Bahnbrecher und Pfadfinder einzuschätzen sei. Und jede dieser Behauptungen ist berechtigt und für jede wird der Beweis erbracht. Sie alle gemeinsam, wertvoll ergänzt durch die im Anhang beigefügten Verzeichnisse, stellen-Abraham Geiger einheitlich als den großen Meister dar, der dem Entwicklungsbilde des Iudentumes feine historisch- und theologisch-wissenschaftliche Grundlage gegeben hat. Und darum, und das fei hier zum Schlüsse nachdrücklichft betont, ist das Studium dieses inhaltsreichen und vom Verlage vornehm ausgestatteten Werkes jedem wärmstens zu empfehlen, der sich darüber Klarheit verschaffen will, wie sehr das liberale Judentum mit seinen prinzipiellen Forderungen im traditionellen Judentums wurzelt. Aus „Abraham Geigers Leben und Lebenswerk" wird jeder verständige Leser die Erkenntnis und Ueberzeugung gewinnen, daß die im Dienste des Iudentumes und seiner Entwicklung gebotenen und geforderten Wandlungen mit einen wesentlichen Teil des überlieferten Iudentumes bilden und daß es darum geradezu eine Verhohung aller geschichtlichen Wahrheit bildet, dies bestreiten zu wollen. Aber auch die Ueberzeugung resultiert aus diesem Buche oder vielmehr aus. der ganzen Persönlichkeit und dem wirken Geigers, daß allein die Liebe zum Judentums und die sichere Erkenntnis, seiner Weiterentwicklung zu dienen, berechtigt, ein Recht der Gegenwart jenem der Vergangenheit gegenüber zu betonen. Im liberalen Judentums ist und bleibt nicht der Liberalismus, sondern das Judentum die Hauptsache.