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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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Küchrrfcharr O o 0 C rs chem pimfte des gesamten modernen Jüdischen Lebens ist Abraham Geiger bereits ausgeschaltet? Wo nicht mehr Raum gegeben für immer weitere Früchte Geigerscher Saat, für weitere Durchführung Gcigerschen Strebens, für weitere Erfolge Geigerschen Denkens? Ist unsere Zeit etwa auch nur in einem punkte über Geiger hinaus? Mit weit mehr Berechtigung dürfte gesagt werden, daß weite Kreise kaum in einem einzigen sckjon bei Geiger angelangt seien, vor allem nicht in dem wichtigsten Sauptxunkte, der für das religiöse Leben die bedingungslose Konscqunz wahrhaften Empfindens fordert. Abraham Geiger steht noch heute mitten im religiösen Leben und seinen Bewegungen. Er bedarf keines Denkmales der Erinnerung. Und auch nicht diesem Zwecke ist dieses gediegene Werk deshalb vornehmlich gewidmet. Nicht zur Ehrung eines Toten, sondern zur Zur Belehrung für die Lebenden ist es bestimmt. Abraham Geigers machtvolle Persönlichkeit selbst ist es, die in diesem werke Zur Gegenwart spricht. Abraham Geiger spricht da zu uns Nachgeborenen heute noch, fesselnd, zündend, begeisternd, wie er es Jahrzehnte lang zu unseren Eltern auf den bedeutendsten Kanzeln Deutschlands getan, er selbst spricht zu uns aus dem Entwicklungsgänge seines eigenen Lebens und Werdens, den hier des Sohnes kundige Sand mit anerkennenswerter Objektivität gezeichnet hat, er spricht zu uns in dem durch ihn erstmalig historisch-wissenschaftlich begründeten En'wicklungsbilde des Iudentumes, das in diesem Buche nach Disziplinen geordnet seine rühmenswerte Darstellung in seinen Grundzügen gefunden hat. In den ersten 8 Kapiteln wird uns Geigers Lebenslauf vorgeführt, ein Werdegang vom Frankfurter Ghetto bis zum wissenschaftlichen Begründer der Historisch-kritischen Reform des Iudentumes. Jede Episode dieses reichbewegten Lebens trägt das Gepräge einer markanten Persönlichkeit, einer selbstbewußten, nur auf die eigene Erkenntnis sich stützenden und nur so sich sicher fühlenden Individualität. Gb im Elternhause in Frankfurt, ob in den Studienjahren in Bonn, ob auf den Rabbinatssitzen in Wiesbaden, Breslau, Frankfurt und Berlin, überall ist es eine stark ausgeprägte Persönlichkeit, die uns entgegentritt, lehrreich an sich, eine Kraftnatur mit festem Rückgrat, die weiß, was sie will und wird, was sie werden muß, ein Mann der selbständigen Ueberzeugung, des unerschrockenen Mutes, der schrankenlosen Wahrhaftigkeit. Abraham Geiger hat, wie uns da erzählt wird, niemals eine öffentliche Prüfung bestanden. Für diese Kraftnatur hatte das Schicksal die schwerste und zugleich ruhmvollste aller Prüfungen aufgespart, die in der Schule des Lebens selbst, in den Kämpfen, den harten aufreibenden Kämpfen, die Geiger in den ^0 Jahren seines öffentlichen Wirkens ununterbrochen für seine Erkenntnis und seine Ueberzeugung zu führen hatte.. Fast wäre er ihr entgangen, da er in Bonn nahe daran war, statt des rabbinischen Berufes den der orientalischen Sprachwissenschaft zu wählen. Sein späterer schärfster Gegner, damals sein Jugendfreund und Studiengenosse, Samson Raphael Sirsch, beeinflußte ihn zugunsten des Rabbinerberufes. Das Schicksal webt seine Fäden wunderbar und schuf für jede dieser beiden so entgegengesetzten Zukunftsgrößen das Gegengewicht bereits in der Stunde, da sie in Bonn einträchtig beim Studium des Talmudtraktates Sebachim beieinander saßen. was um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die, wenn man so sagen darf, theologisch wissenschaftliche Fehde dreier hervorragender Persönlichkeiten gewesen ist, das ist heute bis zur Bildung von drei Parteien innerhalb des deutschen Iudentumes gediehen, die sogenannten Gesetzestreuen, die sich um S. R. pirsch, die Liberalen, die sich um Abraham Geiger und die Mittelparteiler, die sich etwa um Zach. Frankel scharen. Alle 3 parteigründer waren überzeugt, im Dienste des Iudentumes und seiner Erhaltung zu wirken, alle drei lebten und strebten „lesedeni Lobomajim", aber heute, Jahrzehnte nach ihrem Ableben, darf es anerkannt und zugegeben werden, daß Geiger und nur er die nachhaltigste Wirkung zu verzeichnen hat. Und mit Recht. Ist doch er und nur er mit der vollen Voraussetzungslosigkeit wahrer Wissenschaft an die eigentliche Grundfrage herangetreten, die als die Seele alles religiösen Gegensatzes im modernen Iudentume angesprochen werden darf und über die heute noch in weiten Kreisen eine bedauerliche Unklarheit herrscht.

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