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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 19

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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Küchrrscharr 1* thesen, denen wohl nicht olle Leser beistimmen können. All das aber bezieht sich nur auf nebensächliche Einzelheiten. Die grundlegenden Untersuchungen beruhen auf sicherster wissenschaftlicher Basis. Glänzendes Licht fällt auf den bisher unentdeckten Begriff von Osrech erez, schlagend und von fundamentaler Wichtigkeit sind die Untersuchungen über den 8chsrn hammephorasch, über Pseudophok^lides, Orchoth Chajjim; Einzelheiten, wie der Nachweis, daß 8am chajjim auf der Abbreviatur 8ur rnsra beruht (p. \37 ff.), der Nachweis, daß die predigt Jesu am Lsüttenfest stattgefunden haben müsse (p. 5lff.) und viele andere sind ebenso interessant wie überzeugend. Das Werk ist in seiner Tendenz — trotz des Nachweises, daß' die ganze erste christliche Rlissionstätigkeit auf jüdische Quellen zurückgeht — durchaus keine Apologetik des Judentums; es vertieft sich in die Gedankengänge des werdenden Thristentums und polemisiert nicht gegen dasselbe vom jüdischen Standpunkt aus. Diese Rlethode scheint mir die einzig richtige zu sein, um eine versöhnlichere Stimmung zwischen jüdischer und christlicher Wissenschaft anzubahnen. was aber die Wirkung des Buches nach innen, was feine Bedeutung für das liberale Judentum insbesondere betrifft, so kann dieselbe nicht hoch genug angeschlagen werden. Das liberale Judentum muß wieder anknüpfen an die alten Bestrebungen, wie sie in den Zeiten der propagandistischen Tätigkeit, in den Zeiten kurz vor und während der Entstehung des Thristentums das Judentum erfüllten. Nicht der Tempeluntergang und der Verlust der nationalen Selbstständigkeit, sondern die Entstehung des Christentums war die eigentliche geschichtliche Katastrophe des Judentums. Heute erst, seit einem Jahrhundert, knüpft das Judentum wieder an jene alte Zeit an, nimmt mit jugendlicher Kraft die Gedanken und Bestrebungen wieder auf, die einer Zeit der geschichtlichen Gedrücktheit und schwächlichen Furcht abhanden gekommen waren. Nach langedauerndem einseitigem Wachstum der partikularistischen Strömung, beginnt der alte prophetisch universalistische Geist wieder Ausdehnung zu gewinnen. Nachdem lange Jahrhunderte das Judentum seinen Haupt-Akzent auf die Formen des Kultus und Ritus gelegt. begann es im letzten Jahrhundert wieder „die Wege Gottes" vor allem zu betrete». Das ist die Tendenz und der Geist des „liberalen Judentums", dessen älteste Geschichte wir in dem Buche von Prof. Klein begrüßen. Seligmann. „Abraham Geigers Leben und Lrbrnswerk." Von Rabbiner Dr. Tänzer» Göppingen. vor mir liegt nach beendetem und, wie ich hier gleich bemerken will, höchst genußreichem Studium das umfangreiche biographische Werk, in welchem Geheimrat Prof. Ludwig Geiger in Verbindung mit mehreren namhaften Gelehrten dem Andenken seines großen Vaters ein -wertvolles literarisches Denkmal gesetzt hat.*) Und doch eigentlich, ein Denkmal für Abraham Geiger! Gehört Abraham Geiger wirklich bereits zu jenen Gestalten der Geschichte, die eines Denkmales, eines Erinnerungszeichens bedürfen? Ist Abraham Geiger überhaupt den Lebenden bereits entrückt, obwohl er feit 3€ Jahren in seinem Berliner Ehrengrabe ruht? Steht er nicht vielmehr auch heute noch, ja heute mehr noch denn früher und während seines arbeitsreichen Lebens, mitten im Tageskampfe? Ift's nicht Geigers wissenschaftliches Forschen, Geigers geniales historisch-kritisches Erfassen, Geigers glüh nd« Liebe zum Judentums, Geigers unermüdlich aufgestellte Forderung nach unbedingter Wahrhaftigkeit im religiösen Leben, Abraham Geiger also in allem, in Geist und Gemüt, in Denken und Empfinden, wenn heute in der deutschen Iudenschaft eine Bewegung erwacht und in kürzester Zeit ungeahnt erstarkt ist, die das Gesamtleben des Iudentumes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als innerhalb des Gesetzes der Entwicklung stehend erfaßt und eben dadurch zeitgemäßes wissenschaftliches Denken und Empfinden zu treuer überzeugter Verehrung des Iudentumes hinleitet? wo und an wel- “) Adraham Geiger, .Leben und Lebenswerk/ von Ludwig G'iger, Jsmar Elbogen. Sotrlieb Klein, Immanuel Löw. Felix Perles. Sam. Po-nanski. Moritz Srern, Hermann und Heynemann Vogelstein. Mit einem Bildnis. Berlin 1910, Verl. Georg Reimer.

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