Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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;- ^.-;«'^'J,v^?.,^--.;i---r:^^^r^^r>'-|_:;57':‘;-■-^■•V’-:"'''--1..: Ar. Aavid PhiUpson: Are Aeformbrwegung rm Judentum IS Denkens: Fimmel und Erde mögen vergehen, das Selbstbewußtsein ist eine nicht zu erschütternde Tatsache. Klar und deutlich wird sie erkannt. Jetzt ist das gesuchte Kriterium der echten Erkenntnis gefunden, was Erkenntnis, was Wahrheit sein will, muß sich als solche vor der reinen Vernunft ausweisen; ja muß sich — wie unser Denker will — durch den bloßen Intellekt finden lassen. Die Welt, der Zusammenhang des wirklichen, muß rational begreiflich gemacht, abgeleitet werden. Descartes ist nicht nur ein großer Philosoph, er steht auch unter den Klassikern der Mathematik in der vordersten Reihe; und das Weltsystem, das er aufrichtet, wird durch die Mathematik völlig beherrscht. Es ist nicht unseres Amtes zu kritisieren. sondern zu schildern. Descartes Lrkenntnrsbegriff hat in der Folgezeit mancherlei Korrekturen erfahren. Aber er blieb die Grundlage für die Auffassung der Wahrheit, wie sie die moderne Wissenschaft und damit die moderne Kultur überhaupt verstand. Seine Konsequenzen machen vor keinem Gebiete Halt. Nie zuvor ist wirksamer die Allmacht der reinen Vernunft gepredigt worden, ihr oberstes Richteramt über alles, was Wahrheit sein will. Unser Ausgangspunkt lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf den Gegensa^ in dem dieser Anspruch zu den Forderungen der mittelalterlichen Religion steht. Mit der Thronerhebung der reinen Vernunft beginnt die Krisis des religiösen Bewußtseins. Und wir von heute stehen noch mitten drin. Oie Ketormbewegung im luäentum. Von Dr. Dauid Philipfon, übersetzt von Dr. Florden-Clberfeld. Dies ist der erste Fall, wo jene unselige Politik angewandt wurde, zur Unterdrückung der Reformen die Hilfe der Regierung anzurufen, eine Politik, die während der folgenden drei Jahrzehnte so viele Aergernisse hervorrief, wenn die Orthodoxen früher sahen, daß die Refomer Aussicht auf Erfolg oder einen tatsächlichen Erfolg errungen hatten, indem sie sich irgendwo fe st setzten, so erhoben sie bei der Regierung gegen die Reformer Beschwerde, als wollten diese durch die Einführung von Neuerungen Unruhen anstiften. Ls braucht da nur an die Affäre Geiger-Tiktin in Breslau^- erinnert zu werden, an die vuu8s oslöbro des Reformrabbiners Löwi in Fürth in Bayern, ß9> an die Stellungnahme des orthodoxen Gberrabbiners Bernays in Hamburg gegen die dortige Reformgemeinde, 60> und an das schändliche Vorgehen einiger orthodoxer Juden gegen den Rabbiner Leopold Löw zu Papa in Ungarn.* *" M) Geiger: Die letzten zwei Jahre. Nachgelaffene Schriften, 1. Band, S. 1—51. Ansprache an meme Gemeinde, das. S. 52—112. M) Allg. 3des Judentums, 1. Jahrg., S. 457; 3. Jahrg^ S. 244; 5. Jahrg., S. 610; 8. Jahrg., S. 250. *0) Das., 6. Jahrg., S. 10^. «J Das., 11. Jahrg., S. 251; 13. Jahrg., S. 80. (Fortsetzung.) Aber nicht nur die orthodoxe Partei sündigte in dieser Hinsicht; auch die Reformer ließen sich gelegentlich dazu verleiten, ihre Zwecke mit Hilfe der bürgerlichen Gewalt durchzusetzen. Indessen gebietet es dieLhrlichkeit, fest zu stellen, daß die orthodoxe Partei dieses verfahren weit häufiger angewandt hat, als die Reformer. Doch kehren wir zu unserm vorliegenden Fall zurück. Beers Privattempel entging den unmittelbaren Folgen des Lrlaffes von (8(7 dadurch, daß er eine Zeit lang, während in der Hauptsynagoge Ausbesserungen vorgenommen wurden, als allgemeines Gotteshaus diente. Nun begann der Kampf zwischen den Alten und den Neuen. Der Gottesdienst in dem Tempel gewann bei vielen, besonders bei der Jugend, große Beliebtheit, wohingegen die orthodoxe Partei nichts von ihm wissen wollte. Das Berliner Rabbinat, mit Meyer Simon weyl an der Spitze, widersctzte sich andauernd jeder Reform; es wollte noch nicht einmal die Anstellung von „Predigern" (im Unterschied zu den Rabbinern) genehmigen, deren einzige Pflicht das predigen in deutscher Sprache sein sollte, während die Rabbiner auch weiterhin dieselben Funktionen verrichten und dasselbe Ansehen genießen sollten, wie bisher. Vom Kultusminister wurde deshalb eine Kam-